Spielplan

Kultur | Karin Cerny | aus FALTER 10/01 vom 07.03.2001

Die Menschen in den Stücken von Thomas Jonigk haben keine Zeit für Tragödien. Zwar wimmelt es nur so von dominanten Müttern und Missbrauch praktizierenden Vätern, die Opfer aber reden sich unermüdlich ein, dass es ihnen gut geht. Weil Jonigks Figuren so leicht abwaschbar sind, neigen die meisten Inszenierungen dazu, die schrille Farce, die überdrehte Groteske herauszukehren. So auch im Vestibül des Burgtheaters, wo Jonigks Familienstück "Rottweiler" als eine Art mechanische Spieldose zu sehen ist. Die Mutter sieht aus wie ein Ufa-Star, und wenn sie nicht vom Führer schwärmt, erwärmt sie sich für den FPÖ-Wahlkampf (aktueller Texteinschub: "Mein Kind braucht keine Drogen, mein Kind hat mich"), die Tochter verschwindet fast ganz im Schatten der Mutter, und der verklemmte junge Mann, der zu Besuch kommt, hat nicht nur in der Hose, sondern auch im Kopf eine Dauererektion. Das Problem ist, dass Jungregisseur Stephan Rottkamp etwas bieder auf müden Fünfzigerjahre-Slapstick setzt. Wenn man "Rottweiler" wie "Charleys Tante" anlegt, darf man sich aber auch nicht wundern, wenn ein Pitbull auf einmal wie ein Pudel aussieht.

Die Frauen in den Romanen von Ingeborg Bachmann haben sehr wohl Zeit für Tragödien. Meist dann, wenn sie ihre Männer endlich verlassen haben und ihnen erst nach und nach klar wird, was sie in der Beziehung alles mit sich haben machen lassen. Wie Franza, deren Mann, ein Arzt, sie zu einem Studienfall degradiert hat. Die Reise mit ihrem Bruder in die Wüste ist zugleich ein Aufbrechen in ihr verletztes Inneres. Für das Szenario "Ägyptische Finsternis" in der mit leider sehr unbequemen Sitzen ausgestatteten Bar & Co des Theaters in der Drachengasse hat Ludwig Wüst, basierend auf dem Roman "Franza", eigentlich nicht besonders viel inszeniert, das aber überzeugend - vor allem durch seine Hauptdarsteller Michaela Conrad und Klaus Beyer. Die Wüste lebt so sehr, dass man am Ende eine ganz ausgetrocknete Kehle hat.


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