Aufgeblättert

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 10/01 vom 07.03.2001

Das Charisma von Frankfurt am Main steht bekanntlich in indirekt proportionalem Verhältnis zu den Geldsummen, die dort bewegt werden. Jemand, der FfM mit Marilyn Monroe vergleicht, muss als blindwütiger Lokalpatriot gelten. Die Rede ist von Kemal Kayankaya, der in "Kismet" wie stets unter der Doppelbelastung von Verbrechen und Alltagsrassismus zu leiden hat, gegen den er sich mit charmanter Hinterfotzigkeit wehrt. Gleich zu Beginn nietet er mit seinem Spezi Slibulsky (früher: Drogen, jetzt: Speiseeis) zwei Schutzgelderpresser der "Armee der Vernunft" um. Die blutige Spur führt einerseits nach Kroatien - was die ansässigen albanischen Schutzgelderpresser verstimmt -, andererseits zu einem zwielichtigen Frankfurter Tütensuppenfabrikanten, verglichen mit dessen Praktiken die österreichische Schweinezucht als leuchtendes Vorbild der europäischen Nahrungsmittelindustrie gelten muss.

Die Ingredienzien, aus denen sich der jüngste Roman von Jakob Arjouni zusammensetzt, stammen aus kontrolliertem Anbau und sind seit Jahrzehnten bewährt: Das Modell Marlowe (raue Schale, weicher Kern, dicke Lippe) wird hier unter Zuhilfenahme von Lokalkolorit, politischem Hintergrund (Bosnien-Krieg!) und Multikulti-Thematik für die deutsche Gegenwart adaptiert. Das alles ist routiniert, mitunter witzig ("Sie sin hier inem kroatischen Restaurant. Des is meine Heimat, da schläscht mein Hetz") und stellenweise etwas angestrengt umgesetzt. Wie zu erwarten fällt Kayankaya zuerst aufs Maul, dann auf die Füße und darf am Schluss sein Teilzeitzölibat beenden. Zudem ist "Kismet" vermutlich der letzte Roman, in dem noch über den Luxus philosophiert wird, "den es bedeutet, kein Mobiltelefon zu haben". Kein Grund, Arjouni als Retter der deutschen Literatur zu feiern; brauchbare Zugslektüre allemal.

Jakob Arjouni: Kismet. Ein Kayankaya-Roman. Zürich 2001 (Diogenes). 265 S., öS 269,-.


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