Nüchtern betrachtet: Meine Jahre in der Stehplatzhölle

Kultur | aus FALTER 10/01 vom 07.03.2001

Aus Gründen des Alters habe ich das Belegen von Stehplätzen bei Sitzkonzerten längst aufgegeben, aus Gründen stark verspäteter Kartenerwerbsinitiative musste ich unlängst an Gymnasiastentage anknüpfen. In meiner Unterstufenzeit war ich nämlich Wagnerianer und Besitzer von beigen Blazern, also zum Stehplatzbesuch nachgerade gezwungen gewesen (ein Autogrammbuch, in dem sich neben den Unterschriften von Leonard Bernstein, Gwyneth Jones oder Karl Ridderbusch auch diejenige von Josef Taus befindet - verückte Jugend! -, wäre um einen fünfstelligen Betrag jederzeit zu haben). Es war dies neben gelegentlichen Ferialjobs in Brauereien, Supermärkten und Brotfabriken die soziologisch aufschlussreichste Zeit meines Lebens, denn auf dem Stehplatz der Oper, insbesondere im Parterre (ich war natürlich Galerie, da konnte man sich auf die Stufen setzen und bei Notbeleuchtung Bücher lesen) ist der österreichische Kulturmensch in seinem kleinbürgerlichen Größenwahn und seinem philisterhaft-devoten


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