Verpickt und zugeklebt

Wahlplakate. Sie agieren im Dunklen und bleiben meist unbemerkt. Ohne Filzschreiber gehen sie zu Wahlkampfzeiten niemals auf die Straße. Ohne sie wären Wahlkampf und Politiker stinklangweilig. Ihre Übermalungen haben Kultstatus. Der "Falter" dokumentiert die Werke der frechsten Schmierfinken.

Politik | Nina Horaczek | aus FALTER 11/01 vom 14.03.2001

Man trifft sich in der Nacht, schaut kurz herum, packt den Edding raus, Kappe hinunter, und schon wird losgeschmiert. Pedanten erledigen den Übermaljob gründlicher. Da wird nicht geschrieben, sondern farblich abgestimmte Folien werden im Schutz der Dunkelheit flink drübergeklebt. Für die Serienproduktion von Plakatverschandlungen müssen eigene Schablonen gebastelt werden, durch dieneue Botschaften auf die Plakate gesprüht werden. Manche machen nur ihrem Ärger kurz Luft und schreiben "Fut" oder "fette Sau" auf ein Plakat, andere schaffen in mühevoller Vorbereitungsarbeit richtige Kunstwerke. Die meisten aber schimpfen einfach und zeichnen sich lediglich durch Wortneuschöpfungen wie "Nato-Hure" aus.

Wenn die Wahlplakate hängen, hat auch Norbert Siegl einiges zu tun. Der Begründer des Instituts für Graffiti-Forschung dokumentiert seit fünfundzwanzig Jahren alles, was in Österreich und anderen Ländern besprayt, beschmiert und angemalt wird. Tausende Dias von übermalten Wahlplakaten hat Siegl archiviert. Während die meisten - sofern sie sich überhaupt trauen, ein Plakat zu "verschönern" - nur hie und da den Filzstift zücken, gibt es einige, die permanent alles übermalen. Vom Rassisten, der auf alle Plakate - ganz egal von welcher Partei - "Neger umbringen" kritzelt, bis zum Plakatkünstler, der mittels Überklebung den Sinn der politischen Botschaft vollkommen entstellt.

Parallel zu Norbert Siegl nimmt sich dieses Jahr auch die Wiener Künstlergruppe "stahlglatt & blumeenweich" mit ihrer "Happypolitics"-Aktion der an- und übermalten Wiener Wahlplakate an. Auf ihrer Homepage werden alle zugemailten Bilder gesammelt und am Tag der Wahl ausgestellt.

Institut für Graffiti-Forschung: http://graffiti.netbase.org, E-Mail: graffiti@web.de stahlglatt & blumeenweich: http: //happypolitics.stahlglatt.net, Präsentation der Plakate am 25.3. ab 20 Uhr in der Tanzbar Gerard (8., Ledererg. 11).


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