"Wir alle sind Seethaler"

Literatur. Seit Jahrzehnten pflastert er die Stadt mit seiner Pflückliteratur zu. Geht dem zetteldichtenden Marathonmann Helmut Seethaler, der bald mit seiner Kunst das Internet erobern will, die Luft aus?

Stadtleben | Wolfgang Paterno | aus FALTER 11/01 vom 14.03.2001

Seethaler sagt, dass er die Welt nicht mehr verstehe. Seethaler, die Arme schwer auf der Lehne des geblümten Sitzmöbels, an den Füßen ausgelatschte Badeschlapfen, sagt, er wisse nicht, woran es liege. "Seit ein paar Monaten geht es nur noch bergab." Helmut Seethaler, seit nahezu drei Jahrzehnten rühriger Zettelpoet und kauziger Dichter, sitzt in der Mitte seines Wohnzimmers im zweiten Bezirk und ist zerknirscht. Eine Dichterstube wie von Carl Spitzweg: Das Kabel der elektrischen Schreibmaschine fädelt sich durch den Raum, der Fernseher, die Stereoanlage und der Kühlschrank sind ausgesteckt. Die kaputte Glühbirne im Vorraum ist seit Jahrzehnten nicht ausgewechselt worden, trampelt der Nachbar von oberhalb, schwingt im Wohnzimmer die mehrstrahlige Deckenleuchte mit; wacker hält sich hier die letzte intakte Glühbirne. Derweil sitzt der arme Poet Seethaler inmitten seines Lebenswerks, einem labyrinthischen Zettelbergwerk.

28 Jahre lang führte der Sonderling unter den Schriftstellern,


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