Baden gehen

Wien-Roman. Martin Amanshauser versetzt uns in "Nil" in ein verschärftes Österreich, in dem Vera Russwurm Politkarriere gemacht hat und Heribert Corn weitermacht wie immer.

Extra | Stefan Ender | aus FALTER 12/01 vom 21.03.2001

Österreich, Juli 2010. Vera Russwurm ist Bundespräsidentin, ein Herr Bendrosch Chef einer Konzentrationsregierung, die dritte Nationalratswahl innert vier Jahren steht bevor. Icherzählerin Fiona, 21, Fotoreporterin beim Boulevardblatt Bunter Hund, robbt sich durch ein Lüftungsrohr und bannt auf Film, wie sich der Oppositionsführer und Chef der Freien Front, Ulf Schneyder, samt seinem Generalsekretär Lebesmühlbacher in einer Sauna - Skandal!, Skandal! - homoerotischen Vergnügungen hingibt.

Es gibt dann auch noch ein Gaunergeschichtennebensträngchen (Charlie), das später mit dem Politskandalhauptstrang verknüpft wird, und Falter-Fotograf Heribert Corn kommt in dem Roman unverschlüsselt als Heribert Corn vor.

Fiona ist Martin Amanshauser ein wenig unverbindlich-robust-frisch, fast möchte man sagen: dorisschretzmayerisch geraten, die Suspense-Bögen werden immer wieder von guten, aber zu vielen Witzigkeiten gekillt, und die ganze polit-/mediensatirische Anlage des Romans mit seinen unzähligen Anspielungen auf österreichische Politiker und Journalisten muss man mögen: Ich mag sie nicht.

Ernst Molden (in "Austreiben") hat die hitzeflirrende "Summer-in-the-City"-Atmosphäre deutlich besser hingekriegt, Benjamin von Stuckrad-Barre (jawoll!) schreibt pointiertere Medienpersiflagen, und auch die Kastration zu Romanende rettet die Sache nicht mehr wirklich. Das gute Zitat: "Sein ,Bitte' klingt wie der klebrige Belag an der Innenseite eines öffentlichen Mistkübels." Das schlechte: "Mir gefällt sein Lächeln, es ist frisch wie ein Windstoß am Strand, der die Schirme durcheinanderwirbelt." Lektüre fürs Freibad.

Martin Amanshauser: Nil. Roman. Wien 2001 (Deuticke). 188 S., öS 195,


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