Kunst Kurz

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 13/01 vom 28.03.2001

Wer greift nicht lieber nach einem Büschel "Rispentomaten" als nach stengellosen Paradeisern, versprechen Erstere doch ein Plus an Natürlichkeit? Jedoch: Der Holländer schläft nicht, und mittlerweile züchten auch niederländische Agrarfabriken das preissteigernde Grünzeug schon mit. Von der Decke der Galerie Hohenlohe & Kalb hängt eine Kugel aus solchen Mehrwert-Rispen, eine Skulptur des in Amsterdam lebenden österreichischen Künstlers Simon Wachsmuth (bis 20.4.). In mehreren Zeichnungen beschäftigt er sich mit den architektonischen Typologien der Glashäuser, in denen natürliche Prozesse zusehends digital gesteuert werden. Die meditative Projektion "Regen" hingegen verweist auf Landschaftsbilder des japanischen Holzschnittmeisters Hiroshige. Wachsmuth stellt die kulturelle Vermitteltheit jeder Erfahrung von Natur heraus und beschäftigt sich mit der Transformation des klassischen Auftrags an die Kunst, Natur darzustellen. Dabei gelingt es ihm, die Neugier des Betrachters durch zahlreiche Bezüge anzustacheln und die humanen Qualitäten des - durch Kontrollbesessenheit in Verruf geratenen - menschlichen Forscherdrangs hervorzukehren.

Arye Wachsmuth, Simons älterer Bruder und Betreiber des Kunstraums arc, kuratiert die Ausstellung "Life goes on", die zurzeit in der IG Bildende Kunst zu sehen ist (noch bis 26.4.) Thema der Schau: Pillen. Die dezent verpackten Kraftwerke mit dem Potenzial zur Grenzüberschreitung wie zur Betäubung stehen formal oder inhaltlich im Mittelpunkt der Arbeiten von Constantin Luser, Christian Tinkhauser Thurner, Constanze Ruhm und Katharina Matiasek. Die gelangweilte Sneaker-Generation von Muntean/Rosenblum scheint in den Rauschzuständen, auf die Christoph Hinterhuber mit einer psychedelischen Spirale anspielt, keine Verlockung mehr zu sehen, und Axel Stockburger codiert seine Assoziationen zum Thema mit dem Verschlüsselungsprogramm PGP - und hängt die Ausdrucke des für die Betrachter völlig unverständlichen Buchstabensalats an die Wand.


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