Spielplan

Kultur | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 14/01 vom 04.04.2001

Eines muss man der Burgtheater-Dramaturgie lassen: Fix ist sie. Kaum ist der Frühling ausgebrochen, schon steht "Frühlings Erwachen" auf dem Spielplan. Und auch wenn Frank Wedekinds "Kindertragödie" aus dem Jahr 1890 nicht gerade zu den selten gespielten Stücken zählt, so ist es doch keine schlechte Wahl. Die ziemlich wüste Szenenfolge über die Sexualnöte junger Menschen ist ein Evergreen des Theaters, und der Einwand, das Stück sei überholt, ist Unsinn: Es stimmt zwar, dass die Sexualmoral in den vergangenen hundert Jahren etwas gelockert wurde; der Skandal aber, den die Pubertät für den Einzelnen bedeutet, ist heute um nichts geringer als damals. Das heißt natürlich nicht, dass man das Stück heute spielen kann, als hätte sich seit der Entstehungszeit nichts verändert. Die berühmte Masturbationsszene beispielsweise ist heutzutage kein Aufreger mehr, weshalb sie im Akademietheater durch den Einsatz einer Gummipuppe "verschärft" wird; ansonsten haben die jungen Männer hier ohnedies fast ununterbrochen eine Hand im Schritt. Mit einem einschlägigen Zitat aus dem großartigen Pubertätsfilm "Crazy" - Zielwichsen auf ein Fünfmarkstück - beginnt eine Inszenierung, die die damit geweckten Erwartungen dann aber nicht ganz erfüllen kann. Die um coole Sachlichkeit bemühte Regisseurin Christina Paulhofer wird ihrem Ruf als Riesentalent auch in ihrer zweiten Wiener Arbeit nicht gerecht; es gelingen ihr zwar einige starke Momente, aber vor allem in der Schauspielerführung zeigt sie Schwächen, die in einer so schauspielerzentrierten Inszenierung wie dieser besonders unangenehm auffallen. Das Glück der Aufführung heißt David Rott und spielt die Hauptrolle: Wenn der feminin-filigrane junge Mann auf der Bühne ist, spürt man den Frühling erwachen.


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