Kunst Kurz

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 14/01 vom 04.04.2001

Es ist eine beliebte Praxis, sich den versierten Betrachter zum Komplizen zu machen, indem man möglichst viele Zitate einbaut, deren Identifikation dem Eingeweihten so große Freude bereitet, dass dadurch die Beurteilung des Ganzen in den Hintergrund tritt. Der Brite Cerith Wyn Evans verarbeitet zwar jede Menge von Insiderwissen, doch bietet die visuelle Qualität seiner überdeterminierten Arbeiten auch jenem einiges, der die zahlreichen Bezüge dahinter nicht erkennt. Etwa bei der Installation "Has the film already begun?" seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Georg Kargl (bis 30.4.): Ein weißer mondähnlicher Ballon schwebt über Topfpalmen und dient als Projektionsfläche für einen Film, der nur ein helles Flimmern zeigt. Als schöner Effekt fällt auf die Wand dahinter ein runder, umstrahlter Schatten - ähnlich einer Sonnenfinsternis. Der projizierte Film "L'Anti-Concept" stammt von dem Situationisten Gil Wolman, die diesem unterlegte "Tonspur" hat Evans aus über hundert Quellen kompiliert; die Palmen spielen auf die institutionskritische Ausstellungsreihe "Le jardin d'Hiver" von Marcel Broodthaers an. Im Keller der Galerie hängen Fotos u.a. von verarmten Kindern, die an Walker Evans' Dokumente der amerikanischen Wirtschaftskrise erinnern, nur dass sie von einem gewissen Sulwyn Evans stammen. Der Begleittext an der Wand verschweigt, dass es sich hierbei um den Vater des Künstlers handelt. Stattdessen erzählt er davon, dass in den Zeiten vor der Radioastronomie jene Bildfehler, die während der Fotoentwicklung durch Krümel verursacht worden waren, mitunter als Sonnensysteme gedeutet wurden. So viel zum ständigen Wunsch nach Neuem!


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