Stadtrand: Nach dem Krieg

Stadtleben | aus FALTER 14/01 vom 04.04.2001

Wien braucht keinen Krieg, damit es so aussieht, als wäre einer gewesen, wir erledigen das schon selbst. In der ganzen Stadt ragen die Ruinen einst bewohnter Häuser aus der Erde, rundherum nur Staub, Dreck und Ziegel. Am Hernalser Gürtel, wo früher einmal ein Hotel stand, das in späterer Zeit Obdachlosen als Unterschlupf diente, ist jetzt nur mehr ein großer Haufen Schutt, aus dem ein halbes Haus heraussieht. Und wenn der Dreck einmal weggeräumt ist, wird ein Riesenparkplatz der Gegend einen Hauch von Bronx vermitteln. Dem Kabarettlokal "Kulisse" haben überfleißige Bauarbeiter beim Niederreißen gleich die ganze Veranstaltungshalle mitgerissen. Ist eh schon wurscht.

Die Meldemannstraße im 20. Bezirk sieht überhaupt aus wie nach einem feindlichen Raketenangriff: Die Molkereizentrale ist in den Boden gestampft, von den Wohnhäusern gleich daneben steht nur mehr ein einzelnes Stiegenhaus verloren in der Gegend herum. Bis die Narben der Stadt verheilt sind, wird es wohl noch ein ziemliches Weilchen dauern. Dafür können wir uns auf einen besonders staubigen Frühling freuen. Und noch etwas können wir daraus lernen: In Paris lag 1968 unter den Pflastersteinen der Strand. Heute sehen wir, warum diese Stadt so anders ist: In Wien findet man unter dem Pflaster nur Staub. N. H.


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