Aufgeblättert

Kultur | Franz Gutsch | aus FALTER 15/01 vom 11.04.2001

Eines der eindrucksvollsten Bücher der Welt ist "Das Leben der infamen Menschen" von Michel Foucault. Leider wurde es nie geschrieben. Foucault publizierte nur ein Vorwort - aber was für eines! Auf knapp fünfzig Seiten entwirft er den Plan, biografische Notizen ehrloser Menschen aus dem vorrevolutionären Frankreich herauszugeben. Ein Sammelwerk über vermeintlich Unbedeutende, von denen wir nur wissen, weil sie von der herrschaftlichen Macht erfasst wurden - wie zum Beispiel "Jean Antoine Touzart, eingeliefert ins Schloss von Bicetre am 21. April 1701: Abtrünniger Franziskaner, aufrührerisch, fähig der größten Verbrechen, Sodomit, Atheist, wenn man das sein kann; das ist ein Greuelmonster, das zu ersticken weniger ungelegen käme als es freizulassen". Ein ganzes Leben, eingekerkert in wenigen Zeilen. Wie sich Foucault den verschütteten Schicksalen verfemter Menschen annimmt, das macht schon dieses Vorwort zu einem Meisterwerk.

Der Folter, dieser "totalen Herrschaft des Menschen über den Menschen" (Jan Philipp Reemtsma), widmet sich der Sammelband "Das Quälen des Körpers", herausgegeben von Peter Burschel, Götz Distelrath und Sven Lembke. Neben geschichtlichen Darstellungen von der Antike bis zur Gegenwart finden sich auch Arbeiten zu Begriff, Verbreitung und Psychologie der Folter. So versucht Karin Orth in ihrem Beitrag, die Genese eines Folterknechts am Beispiel des KZ-Kommandanten Max Pauly zu rekonstruieren. Klar wird dabei, dass die emotionale Entwicklung des Folternden nicht von den politischen Machtstrukturen zu trennen ist. Trotz der akademischen Nüchternheit des Bandes geht der mitfühlende Blick auf die Opfer nie verloren. Zwei Bücher über die menschliche Würde und deren Verletzlichkeit.

Michel Foucault: Das Leben der infamen Menschen. Herausgegeben und übersetzt von Walter Seitter. Berlin 2001 (Merve). 75 S., öS 110,-.

Peter Burschel et al. (Hg.): Das Quälen des Körpers. Eine historische Anthropologie der Folter. Wien 2000 (Böhlau). 323 S., Abb., öS 350,-.


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