Tier der Woche: Titelsucht

"Mit Botanik gibst du dich ab?" - J. W. v. Goethe, Venezianische Epigramme

Stadtleben | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 16/01 vom 18.04.2001

Als ich folgende Meldungsüberschrift las, erschrak ich heftig. Nein, ich erschruk sogar, denn um der Dramatik der Situation zu entsprechen, muss hier das Imperfekt wie in der Manier von Robert Löfflers "telemax"-Kolumne besonders stark gebeugt werden: "Raubtier Kiefer", stand in großen Lettern über einem kurzen Text. Welche spannende Story darf man hinter einer solchen Headline erwarten? Hätte ich dies in einer Zeitschrift wie tv-media gelesen, dann wäre wohl in der Rubrik "Hollywood Reporter" eine mehr oder weniger erfundene Geschichte über das ausschweifende und animalische Sexualleben des Schauspielers Kiefer Sutherland gefolgt. So wars aber nicht.

Diese Überschrift stand auch nicht über einer zweitrangigen zoologischen Fachpublikation, wie zum Beispiel den "Berichten der wirbeltierkundlichen Arbeitsgruppe". Da könnte man annehmen, dass sich bloß ein Druckfehler eingeschlichen hat und es in Wirklichkeit hätte heißen sollen: "Raubtiere brauchen Kiefer - um ihre Beute besser zu zermalmen." Oder so ähnlich. Aber so wars auch nicht. Sondern ich fand diese Nachricht im Wissenschaftsteil des Standards. Erst der Untertitel brachte Licht ins Dunkel der Titeldichter: "Kiefern, die über der Erde harmlos aussehen, betreiben unter der Erde eine komplexe Jagd." Na bitteschön, irgendwie hat man das doch schon immer geahnt. Diese Föhren klimpern bloß so vertrauensselig mit ihren langen Nadeln, aber am Grunde ihrer Wurzeln sind sie hinterfotzige Gesellen. Denn unter der Erde verbünden sie sich mit Pilzen, die durch Giftausdünstungen Springschwänze, kleine Bodeninsekten, töten. Davon profitieren wiederum die Kiefern.

Na ja. Also eher "Raubtier Pilz". Oder "Nutznießer Kiefer". Aber da war dem Herrn Chefredakteur wohl zu wenig Musik drin. Zu Recht, denn so hab ich es nicht nur gelesen, sondern auch über diese eher mäßig aufregende Nachricht geschrieben. Und ein bisschen flapsiger formulieren kann doch dem Wissenschaftsjournalismus nicht schaden, oder?


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