Aufgeblättert

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 18/01 vom 02.05.2001

Dass Wolf Wondratschek jetzt auch in Wien lebt, ist mittlerweile bekannt. Dass die vier Erzählungen seines jüngsten Werkes "Die große Beleidigung" auch alle in Wien geschrieben wurden, steht im Nachspann. Gleich in der ersten Geschichte kann man lesen, dass die Wiener die "Ureinwohner der menschlichen Seele" sind. Hm. Noch mehr darüber erfahren wir in der Titelgeschichte über einen Zahnarztsohn, der sich nur ohne Publikum zu den höchsten Höhen des Geigenvirtuosentums aufzuschwingen vermag: "Das waren die besten Kunden, die Wiener. Sie waren einmalig. Keine Nation war wie sie. Die Monotonie ihres Geschmacks besaß Weltgeltung. War ein Jahrhundert überstanden, schalteten sie in den Rückwärtsgang." Hhmm. Wo dergleichen Klischees erblühen, ist Vorsicht geboten, denn Wondratscheks Geschichten haben mindestens einen doppelten Boden, und nicht nur der Schriftsteller Wrenkh ("Die Erfindung eines glücklichen Menschen") neigt dazu, seine Erzählung "unerwarteten Einfällen und hymnisch aufschäumenden Abschweifungen anzuvertrauen".

Neben der erwähnten moussierenden Digression haben die Erzählungen, die mehr in einem fiktiven Russland als im realen Wien beheimatet sind, gemein, dass ihre Protagonisten über der Kunst das Leben verfehlen. In "Giotto" folgt der Erzähler den Spuren eines Regisseurs, der mit Frauen nur im Film etwas anzufangen weiß, aber auch die Passionen des Erzählers sind letztlich blutleer. "Auf dem Graben" sinnt eine Frau der eigenen bewegten Vergangenheit nach, und dem erwähnten Geiger dämmert trotz oder gerade wegen seiner Verrücktheit, dass er aufs falsche Pferd gesetzt hat: "Da ist gleichgültig, was die Kunst kann. Sie ist lächerlich - lächerlich wie die Misshandlungen, die sich Künstler zufügen, nur um nicht zu scheitern."

Wolf Wondratschek: Die große Beleidigung. Vier Erzählungen. München 2001 (Hanser Edition Akzente). 143 S., öS 218,-.

Am 6. Mai, 21 Uhr, wird das Buch von Kirsten Dene und Wolf Wondratschek im Kassenfoyer des Burgtheaters präsentiert.


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