Die Einsamkeit des Bäckers

Literatur. Raymond Carver gilt als Meister der literarischen Verknappung. Dass sein berühmter "Minimalismus" nicht den ganzen, vielleicht nicht einmal den besten Carver ausmacht, beweist der soeben neu übersetzte Erzählband "Kathedrale".

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 19/01 vom 09.05.2001

Carlyle war in Schwierigkeiten. Er war den ganzen Sommer in Schwierigkeiten gewesen, seit Anfang Juni, als seine Frau ihn verlassen hatte."

Knapp und klar. Binnen weniger Sätze ist der Leser mitten in der Story. Sie heißt "Fieber" und findet sich in dem 1983 erstmals im amerikanischen Original erschienenen Band "Kathedrale", der soeben auf Deutsch erschienen ist - als dritter Teil der vom Berlin Verlag in chronologischer Reihenfolge edierten und neu übersetzten Ausgabe von Raymond Carvers Erzählungen.

Man könne über Carvers Werk nicht reden, meinte einst dessen Freund Geoffrey Wolff, "ohne über das Tempo seiner Anfänge zu reden". Carver selbst hat in seinem Essay "On Writing" (1981) seine Präferenz für Gedichte und Short Stories mit seiner geringen Aufmerksamkeitsspanne begründet. Schon Mitte der Sechzigerjahre habe er Schwierigkeiten gehabt, längere Prosatexte zu schreiben und zu lesen. Dagegen setzt Carver sein Plädoyer für die Zügigkeit: "Get in, get out. Don't linger. Go


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