Stadtrand: Frühling im Pavillon

Stadtleben | aus FALTER 19/01 vom 09.05.2001

Rotkehlchen tirilieren, der Flieder duftet, Röcke werden kürzer, die Bässe wummern gen Heldenplatz. Wir befinden uns im Pavillon des Volksgartens, der Frühling ist unser Begleiter. Vergangene Woche wars. Ich saß dort mit zwei Hübschen. Der Kellner schwebte vorbei. Ich wollte ordern. "Herr Ober", rief ich. Er gab sich taub. "Tschuldigen!", setzte ich nach. Dann etwas lauter: "Tschuidigung." Es half nichts. "Dakollegekummtglei", versicherte er. Die Zeit verging, die Kehlen der Hübschen trockneten. "Kummglei", versprach der Ober stets aufs Neue. Nach 45 Minuten orderte ich endlich. Nach 60 Minuten brachte er Brot. Ein kleines Körberl. Wir stürzten uns darauf. Es war zwar angebissen, dafür hart wie das Leben. Nach 70 Minuten brachte er den Antipasti-Teller und ein gebähtes Weckerl dazu. Noch nie durfte ich um 120 Schilling so winziges öliges Gemüse betrachten. Ich wollte Nachschlag. Die Hübschen hielten mich zurück. Dann lieber zahlen. "Tschuldign!", rief ich wieder. "Dakollegekummtglei", antwortete der Kellner. So ging es dahin. Etwa 20 Minuten. Ich lief zu ihm. "Zahlen, bitte." "Hast du bei mir überhaupt bestellt", fragte er mit dunkler Miene. "Gewiss!", versicherte ich. Er vergaß so manches zu verrechnen, ich war ehrlich, gab ihm Trinkgeld. Und er nahm es, ohne eine Bemerkung zu verlieren. F. K.


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