Graue Kirschen

Musik. Mit ihrem neuen Album "10.000 Hz Legend" demonstrieren Air die Kunst, glücklich unglücklich zu sein.

Kultur | Gerhard Stöger | aus FALTER 22/01 vom 30.05.2001

Nicolas Godin und Jean Benoit Dunckel gaben im deutschen Popmagazin Spex kürzlich eine ebenso seltsame wie amüsante Selbsteinschätzung zu Protokoll: "Air ist ein sehr hübsches Mädchen, das lange Zeit Kirschsaftschorle trinkt, aufwacht und uriniert." Die beiden wortgewandten Poseure verstehen sich allerdings nicht nur als perfekte Spieler auf der Klaviatur des Pop; im Gegensatz zu ihren Pariser Kollegen Daft Punk gelingt ihnen auch tatsächlich das Kunststück der musikalischen Neudefinition vor dem Hintergrund eines schier übermächtigen Debüts.

Airs "Moon Safari" war ein vor Kitsch und Pathos triefendes Stück Musik gewordene Zuckerwatte - eine Zuckerwatte freilich, die selbst bei maßloser Überdosierung keinen Brechreiz erzeugte. Ihr Soundtrack zu Sofia Coppolas "The Virgin Suicides" kündigte dann die Abkehr vom makellosen Schönklang an; mit "10.000 Hz Legend" nun ist das Zartrosa der Filmmusik zur Gänze einem emotionalen Dunkelgrau gewichen. Anstatt einer weiteren unbeschwerten Klangtapete entwerfen Air hier das skelettiert-bombastische Konzept eines eigenwilligen Retro-Futurismus und begeben sich dazu in verwirrend anziehende Schattenwelten zwischen Sex, Obsessionen, Sehnsucht und Einsamkeit.

Ein faszinierender Trip, der im Songtitel "Lucky and Unhappy" programmatisch auf den Punkt gebracht wird. Was dabei aus der verträumten Sternenguckerin Kelly, dem schnuckeligen "Sexy Boy" und all den anderen Unschuldslämmern der "Moon Safari" wurde, möchte man lieber gar nicht so genau wissen.

PS: Serge Gainsbourgs "Histoire de Melodie Nelson" ist Airs erklärte Lieblingsplatte. Falls der alte Haudegen im Popstar-Himmel etwas zu sagen hat, rotiert "10.000 Hz. Legend" dort garantiert im Dauerbetrieb. q Aktuelle CD: 10.000 Hz Legend (Source/Virgin).


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