Bürgerliche Roots

Musik. Sebastien Tellier verhilft mit seinem Debütalbum "L'incroyable Verite" dem Progressive Rock zu einer Renaissance.

Kultur | Robert Rotifer | aus FALTER 22/01 vom 30.05.2001

Zeit für eine Neupositionierung: Mittlerweile sollte sich herumgesprochen haben, dass Bands wie Air (siehe nebenan), Tortoise oder auch Radiohead nicht - wie vielfach verlautbart - an der Musik der Zukunft, sondern an einer schleichenden Rehabilitierung der tabuisierten Musikform Progressive Rock arbeiten. Das allein sollte nicht schockieren. Die einst durch Punk forcierte Verteufelung dieses von beharrlichen Konstanten wie Pink Floyd und King Crimson am Leben erhaltenen Genres war, langfristig gesehen, sowieso zum Scheitern verurteilt. Solange es kiffende Studenten gibt, wird immer progressiv und psychedelisch gerockt werden, ob elektronisch, elektrisch oder akustisch.

Ein bislang unbekannter Vorkämpfer der neuen progressiven Renaissance ist der ebenso vollbärtige wie langhaarige Sebastien Tellier. "L'incroyable Verite", das ganz in Eigenregie entstandene Debütalbum des 25-jährigen Franzosen, erfüllt all das, was Air mit entrückt wissenschaftlichem Eifer verfolgen, auf spontanere und leichtfüßigere Art. Die Platte enthält nicht nur zwei amüsant prätentiöse "Trilogien" ("Trilogie chien", "Trilogie femme"), sondern auch einen Opener namens "Oh malheur chez O'Malley", der täuschend an Jan Hammers "First Seven Days" (1975) erinnert.

Was Tellier in seinen von Noise-Explosionen durchsetzten semiakustischen Klanglandschaften gänzlich meidet, sind perkussive Beats jeglicher Form. Das erspart dem dankbaren Hörer auch die Pein der im progressiven Rock grassierenden bombastischen Schlagzeugbreaks. Kein Zufall, dass Tellier aus Paris und Air aus Versailles kommen. Dies ist die Roots-Musik der jungen Bourgeoisie und als solche eine diskret charmante Schattierung weltmusikalischen Kulturguts. q Aktuelle CD: L'Incroyable Verite (Record Makers / Virgin).


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige