Aufgeblättert

Kultur | Petra Rathmanner | aus FALTER 23/01 vom 06.06.2001

Hierzulande ist Wang Shuo eine Entdeckung, in China kennt ihn jedes Kind. Seine Bücher zirkulieren in ungezählten Raubdrucken und millionenfacher Auflage, seine Streetwise-Helden sind die heimlichen Vorbilder einer ganzen Generation: verkrachte Studenten, liebenswerte Gauner samt wunderschönen Frauen, die vorzugsweise in Peking abhängen und nichts als Fressen, Saufen und Ficken im Schädel haben und mit ihrem offensiven Nichtstun das chinesische Ideal verhöhnen. Kein Wunder, dass in schöner Regelmäßigkeit die Bücher und Filme des Enfant terrible verboten werden, was seine Popularität nur noch steigert.

Zwei von Shuos bekanntesten Romanen erscheinen dieser Tage erstmals als Taschenbücher. In "Oberchaoten" steht eine Firma namens "3TD" im Zentrum. "Das ist die Abkürzung von ,Drei Tolle Dienstleistungen': Wir lösen ihre Probleme, wir vertreiben ihre Langeweile, wir stehen ein für ihre Fehler." In witzigen Episoden wird der skurrile Berufsalltag der drei Firmengründer geschildert, die es mit sitzen gelassenen Frauen, erfolglosen Literaten und anderen "illustren" Figuren zu tun haben.

Literarisch raffinierter ist der Krimi "Herzklopfen heißt das Spiel". Im Zuge der Mordermittlungen begibt sich der Icherzähler und Hauptverdächtige auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit, wobei er sich immer mehr in ein Gewirr von Lügen, Betrug und falschen Identitäten verstrickt. Passend dazu wechselt der Erzählstil von der Satire über surrealistische Schilderungen bis hin zu sehr lyrischen Passagen. Der Text ist dicht gespickt mit zynischen, anzüglichen Witzen und politischen Anspielungen, die dank der geschmeidigen Übersetzung samt informativen Anmerkungen auch für Chinaneulinge zugänglich werden.

Wang Shuo: Oberchaoten. Roman. Aus dem Chinesischen und mit einem Nachwort von Ulrich Kautz. Zürich 2001 (Diogenes) 273 S., öS 123,-.

Wang Shuo: Herzklopfen heißt das Spiel. Roman. Aus dem Chinesischen und mit einem Nachwort von Sabine Peschel. Zürich 2001 (Diogenes). 389 S., öS 145,-.


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