Spielplan

Kultur | Petra Rathmanner | aus FALTER 23/01 vom 06.06.2001

In der Langeweile erlebt man den Augenblick als leeres Verstreichen der Zeit. Man weiß nichts mit sich anzufangen, und schließlich ist es das Nichts, das etwas mit einem anfängt. Beim grotesken Endzeitspiel "Leben mit dem Wurm" vom makedonischen Autor Marinko Slakeski im Theater m.b.H. sieht das so aus: Sie glättet imaginäre Wände mit einem Bügeleisen; er pinkelt in einen Kochtopf. Ein Dritter schleicht, als Wurm verkleidet, über die Bühne, murmelt Unverständliches und hinterlässt eine Schleimspur. Eine internationale Organisation hat den Wurm im Garten des langzeitarbeitslosen Ehepaares eingenistet; zunehmend mischt er sich in das klaustrophobische Eheleben ein. Warum und wozu bleibt offen, ist auch gar nicht wichtig, eigentlich sind die drei abgerissenen Gestalten nur damit beschäftigt, nichts zu tun. Und das machen sie ganz wunderbar. Sie halten minutenlange Stille durch, in der nur auf die Fingernägel oder auf den Boden gestarrt wird. Urplötzlich gehen sie wutentbrannt aufeinander los, werfen sich sinnlose Phrasen zu, bei denen jedes Wort einen Bodensatz von Krieg und Verwüstung enthält. Selten war Langeweile am Theater so schön.

Äonenweit entfernt von Langeweile ist man im Theater Spielraum, wo das ensemble adhoc mit "Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler" gastiert. Werner Schwab hat das Original kräftig übermalt und liefert handfeste Wortorgien für die Liebesspiele. Regisseur Leo Krischke will sich gar nicht erst auf irgendwelche Tiefen des Stücks einlassen. Bloß nicht verkopfen, wird er sich wohl gedacht haben und veranstaltet gnadenlos eine trashige Soap-Opera. Auf der winzigen, gackerlgelben Bühne werden die Figuren so grellbunt dargestellt, dass sie einem sofort ins Auge springen. Sie bewegen sich äußerst gekünstelt, als ob die Szenen im Fastforward oder in Zeitlupe abgespielt werden würden, und stimmen ein ordinäres Lustgeschnatter zu ausgesucht schlechter Musik an. Selten war Sex am Theater so schrill.


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