Aufgeblättert

Kultur | Martin Droschke | aus FALTER 24/01 vom 13.06.2001

Das Leben eines Psychoanalytikers muss ein Quantum Wahnsinn beinhalten, allein schon der Glaubwürdigkeit wegen. Übertreibung wirkt sich allerdings auch fatal aus, wie am Fall Otto Gross deutlich wird. Der 1877 in der Steiermark geborene Freud-Schüler war der Erste, der nach Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Rückkopplung der noch jungen Wissenschaftsdisziplin suchte. Seinen Aufsätzen zufolge führte die abendländische Zivilisation "Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe". Gross arbeitete empirisch. Er spielte gesellschaftliche Krankheiten im Selbstexperiment durch, bevor er sie in hastigen Notaten sezierte. So proklamierte er, dass in einer Revolution nach russischem Vorbild die Alternative läge, und die Seele des Menschen nur in einer kommunistisch-anarchistischen Gesellschaft frei atmen könne. Wie der linke Querschläger Franz Jung im "Almanach für Einzelgänger" 1961 erklärt, sei der spätere 68er-Guru Wilhelm Reich, "eine direkte Copie" seines Freundes Gross aus den Revolutionsjahren. Beide, Reich und Gross, erfahren wir weiter, wurden "im Verlauf einiger Prozesse ins Irrenhaus gesteckt".

In den Jahren, die während des von Fritz und Sieglinde Mierau rekonstruierten Briefwechsels zwischen Jung und Karl Otten verstreichen, versucht der Politabenteurer und Schriftsteller vergeblich Fuß im literarischen Nachkriegsdeutschland zu fassen. Otten und Jung blicken in ihrer Korrespondenz auf ihren ebenso spektakulären wie heute vergessenen Kreis gesinnungsaktiver Bohemiens zurück - mit Gross als Vordenker und Oberchaoten. Günter Grass schaut mit seinem Lektor bei Otten vorbei, und beiden war klar: Das ideologisch-literarische Europa gehört anderen. Jung starb 1963 auch deshalb, weil er einen Krankenhausaufenthalt nicht mehr bezahlen konnte.

Otto Gross: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe. Hamburg 2000 (Nautilus). 192 S., öS 190,-.

Fritz und Sieglinde Mierau (Hg.): Almanach für Einzelgänger. Hamburg 2001 (Nautilus). 205 S., öS 278,-.


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