Stadtrand: Beschmiertes Favoriten

Stadtleben | aus FALTER 24/01 vom 13.06.2001

Im 10. Bezirk ist seit einigen Monaten eine ganz besonders fleißige Person unterwegs, die möchte, dass wenn schon nicht die ganze Welt, so zumindest Favoriten weiß, was sie denkt. Aber nicht so ein Dilettant, der mit Edding-Stift oder Spraydose etwas an die Wände kritzelt, sondern ein richtiger Künstler ist am Werk: Zuerst schneidet er feinsäuberlich mit der Nagelschere passende Bildchen aus der Zeitung, dann zeichnet er in Reinschrift seinen Kommentar dazu und schlussendlich schleicht er (wahrscheinlich nächtens) in Telefonzellen, um das Ganze mit einer gehörigen Portion Leim ans Fenster zu pappen. Was darauf zu sehen ist? Zum Beispiel ein Zug, vollgestopft mit Menschen, versehen mit der handschriftlichen Warnung "Das Boot ist voll!", oder die Zeitungsüberschrift "Tausend Drogendealer in China erhängt" mit einem freudigen "Bravo!" daneben. Manchmal klebt er auch nur die einfache Gleichung "Neger = Dealer = Mörder" auf. Sollte nicht schwierig sein, den Übeltäter auszuforschen. Vielleicht ein Pensionist? Wer nimmt sich sonst die Zeit, rassistische Collagen zu basteln, wenn eine einfache Schmiererei das Gleiche aussagt? Auch seine Tatobjekte sollten ihn überführen: Wer benützt heute, wo schon jeder Fünfjährige ein Handy hat, noch die Telefonzelle, nur um jemanden anzurufen? N. H.


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