Fragen Sie Frau Andrea: Eselsohren

Stadtleben | aus FALTER 26/01 vom 27.06.2001

Liebe Frau Andrea, ich kenne mich nicht mehr aus. Neulich sann ich über meine Volksschulzeit und da fiel mir das Wort Eselsohren für die kleinen, umgefalteten Ecken der Schulheftseiten ein. Da kann irgendetwas nicht stimmen. Eselsohren sehen doch ganz anders aus.

Doris Haller, LeopoldsgasseLiebe Doris, Sie haben völlig Recht. Eselsohren sehen tatsächlich ganz anders aus. Eselsohren sind etwa 40 Zentimeter lang, grau behaart und wachsenaus den Köpfen von ausgewachsenen Eseln (das sind die störrischen Tiere, die wie faule Pferde aussehen). Aber auch der Begriff "Eselsohren" für das Phänomen von umgefalteten Heftseitenecken hinkt ganz stark. Die kleinen, dreieckigen (und stets nach vorne gefalteten) Heftecken müssten eigentlich Koalabärenohren heißen. Sie sehen den putzigen Hörbehelfen der Eukalyptusblattfresser weit ähnlicher als den langen, schotenförmigen Lauschern der neunmalklugen Esel. Woran mag es liegen, fragen Sie sich jetzt, liebe Doris, dass im Schulheftbeschädigungsbereich seit Generationen mit gänzlich ungeeigneten Begriffen hantiert wird? Ganz einfach: Eselsohren sahen früher tatsächlich wie Eselsohren aus. Sie waren lang und eingerollt, nicht gefaltet wie heute. Schulkinder in der Zeit vor der Durchindustrialisierung (was für ein klebriges Wort!) hatten andere Lehrbehelfe als heute. Die Seiten waren aus anderem Papier, das Papier war anders gefasert und diese Fasern liefen anders durch die Heftseite als heute. Eselsohren entstanden fast von selbst, ohne Zutun der Schulkinder. Man konnte meinen, Papier selbst habe die Lust am eselsohrigen Gerolltsein. Heutiges Papier dagegen ist dröge und faul. Koalabärenhaft geradezu.

Schreiben Sie Frau Andrea: dusl@falter.at;und besuchen Sie: www.geocities.com/Pentagon/4404


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