Mit schiefem Blick

Literatur. J.M. Coetzees großartiger Roman "Warten auf die Barbaren" beschreibt die Barbarei im Inneren der Zivilisation.

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 28/01 vom 11.07.2001

Die Barbaren sind immer irgendwo da draußen. Mit einem "irgendwo" aber kann sich die zivilisierte Welt nicht zufrieden geben. Sie muss Grenzen ziehen und benennen, eine verlässliche Geographie erfinden. Der bereits 1980 im Original erschienene Roman "Warten auf die Barbaren" des Südafrikaners J.M. Coetzee handelt von der imaginären Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei und davon, wie die Barbarei blutige Wirklichkeit wird - mitten in der Zivilisation.

Das Städtchen, in dem der Icherzähler seit Jahrzehnten die Position eines Magistrats einnimmt, hat keinen Namen. Kein Schwein würde sich für seine Existenz interessieren, wäre es nicht "die vorderste Verteidigungslinie des Reichs" - jedenfalls in den Augen der Militärs, die unter Führung von Oberst Joll in die Garnisonsstadt gekommen sind, um das Reich gegen die Barbaren zu verteidigen. Weil der äußere Feind nicht sichtbar ist, wird umso hartnäckiger nach ihm gesucht. Harmlose Fremde werden gefoltert und ermordet, um die Wahrheit


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige