AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 33/01 vom 15.08.2001

Die Frage "Quo vadis Austria" beantwortet der Wiener Künstler Georg Chaimowicz in seiner Grafikserie "Aufstand der Anständigen" mit einem Zitat von John Heartfield: dem deutschen Stahlhelm. Die "kleinbürgerlichen Dummköpfe" Österreichs stülpen ihn sich über, worauf sich ihre Visagen auflösen. Ein Jude wie er, der den Holocaust überlebt hat, meint Chaimowicz, sei ein politisches Mahnmal und habe als solches zum Beispiel die Pflicht, dem jüdischen FPÖ-Generalsekretär Peter Sichrovsky Prügel zu verpassen. So mutig der Körpereinsatz des 72-Jährigen, so naiv ist seine zwischen Wahl und Vereidigung der schwarz-blauen Koalition gezeichnete These, in Österreich würden sich die Dreißigerjahre wiederholen.

  Jude und politisches Mahnmal ist auch der Vater von Jula, einer deutschen Austauschstudentin in der Ukraine und Protagonistin von Lena Kuglers Roman "Wie viele Züge". Die 1974 geborene Autorin begibt sich auf eine Fahrt zu Julas familiären Ursprüngen. In der Nachkriegszeit hatte der Vater sein Holocaust-Trauma in einen biografischen Mythos verwandelt: Reiche Weinbauern seien Julas Vorfahren gewesen, die eine Villa bewohnt hätten; er selbst sei Rotarmist, Agent und natürlich moralisch unbefleckt gewesen. Als die Studentin die biografischen Fakten überprüft, findet sie ein Geburtshaus inmitten einer Armensiedlung, und die Brutalität der Shoah schlägt ihr in ihrer ganzen Komplexität ins Gesicht: Julas Vater war ein bettelarmer Kommunist, der aus deutscher Haft zu den Partisanen floh, worauf Hitlers Schergen sich bitter an der jüdischen Bevölkerung des Städtchens rächten. Kugler senkt das Thema auf den Boden des Realistischen: Auch eine Opfergeneration kann nicht immer im Besitz der richtigen Meinung sein.

Georg Chaimowicz: Aufstand der Anständigen - Quo vadis Austria? Katalog, 2001. Städtische Galerie Lüdenscheid, ca. öS 140,- (Bestellungen: Tel. 0049/23 51/17 14 86, Fax 0049/23 51/17 17 03).

Lena Kugler: Wie viele Züge. Frankfurt a. M. 2001 (Fischer). 122 S., öS 175,-


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