Kommentar: Erniedrigte und Beleidigte

Kultur | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 34/01 vom 22.08.2001

Für kurze Zeit konnte der Konsument der jüngsten Ausgabe des nach 13 Dienstjahren und 77 Sendungen demnächst in den verdienten Ruhestand tretenden "Literarischen Quartetts" den Eindruck gewinnen, Marcel Reich-Ranicki sei endgültig übergeschnappt. Als er sich mit den Worten "Herr Lehmann, bitte" an Hellmuth Karasek wandte, hatte er freilich nicht den Namen verwechselt, sondern lediglich den Titel des zur Besprechung anstehenden Buches zitiert. Und zwar völlig korrekt.

Viel mehr, so könnte man einwenden, kann man von ihm auch nicht erwarten. Das ist natürlich ein bisschen unfair. Der Mann ist sehr belesen, er ist wortgewandt, unterhaltsam und telegen, erfüllt mithin die medialen Hauptanforderungen einer massenpublikumskompatiblen Literatursendung. Gemeinsam mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern hat er die Auflagen von Büchern und die Bekanntheit ihrer Autoren substanziell gesteigert, und er hat Tausenden die Möglichkeit eröffnet, sich als Reich-Ranicki-Kritiker zu profilieren.


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