AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 36/01 vom 05.09.2001

Der Blankvers ist das klassische Metrum der deutschen Literatur. Traditionell kommt er zur Qual von Oberschülern zum Einsatz und erweckt dann im Erwachsenenalter Erinnerungen an Ungutes aus der Jugend. Ganz sicher ist das im Westteil des einst geteilten Europa so. Sollte der Blankvers im Osten libertäre Assoziationen wecken, sind wir allesamt balla-balla, und der Schriftsteller Andras Koziol muss unser neuer Kulturhauptmann sein. Um die Bewahrung des "kollektiven Gedächtnisses der geschluckten Deutschlandhälfte" geht es Koziol in seinem Epos "Frühjahre", das erhaben über den autobiografischen Strickarbeiten eines Heers neuer Ex-Ost-Autoren steht. Eine "Cut-up-Tirade aus superauthentischen Schnipseln voll mit O-Tönen von betonsicherem Wiedererkennungswert", so der Autor, wäre ein "Sündenfall in die Überzeugungssprachen der Marktgesellschaft". Konsequent und garantiert konsumentenunfreundlich hangelt sich in "Frühjahre" ein Ich in neunzehn aus fünfhebigen Jamben bestehenden Verskapiteln


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