STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 37/01 vom 12.09.2001

Vor vier Jahren zeigte die Viennale zwei Filme des Exilchilenen Raoul Ruiz: höchst artifizielle, sperrige und rätselhafte Metakomödien über Psychoanalyse, perverses Begehren und die Gesetze narrativer Konventionen. Darüber hinaus waren Filme von Raoul Ruiz hierzulande so gut wie nie zu sehen. Mit beinahe zwei Jahren Verspätung ist nun "Die wiedergefundene Zeit" ("Le Temps retrouvé") in den Wiener Kinos angekommen. Der Titel weckt Erinnerungen: Tatsächlich ist der Film eine Adaption "nach dem Werk von Marcel Proust" (Vorspann), eine beinahe dreistündige Reise durch Motive und Situationen aus dem monumentalen Zyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", mit Schwerpunkt auf dem letzten Band gleichen Titels.

  Allen, denen jetzt schon aus guten Gründen vor einem Kinobesuch graut (der Historienschinken, gefolgt von Diskussionen über "Werktreue" usw.), sei "Die wiedergefundene Zeit" als Mittel gegen unliebsame Reminiszenzen an die Schulzeit empfohlen. Ruiz' Film reduziert das mäandernde Werk des großen französischen Erzählers nicht allein auf die "Geschichte", sondern liest Prousts Werk entlang der erzählerischen Figur der unwillkürlichen wie willkürlichen Erinnerung. Stark vom filmischen Surrealismus inspiriert, überführt "Die wiedergefundene Zeit" Prousts Meditation über Zeit, Verlust und Erinnerung ins Reich des Kinos: Schwebende Kamerafahrten, Mehrfachbelichtung und nicht lineare Montage schaffen im Verein mit einem kompetenten Ensemble (u.a. Catherine Deneuve, Emmanuelle Béart, Pascale Greggory und John Malkovich) ein sprödes Bild vom Rückzug in eine Welt, die, wie Nabokov gesagt hat, "außer in der Vorstellung des Autors nie gelebt hat".


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige