Stadtrand: Back to Biedermeier

Stadtleben | aus FALTER 37/01 vom 12.09.2001

Es gibt Menschen, die schalten den Fernseher aus, wenn die Nachrichten beginnen, und lesen in den Zeitungen nur den Kultur- und Sportteil. Damit sie nicht sehen müssen, wie böse es auf der Welt zugehen kann, und vor schlaflosen Nächten geschützt sind. Diese Leute sind in Wien bestens aufgehoben. Da braucht man sich nicht zu sorgen, dass man bei einem Spaziergang durch die Stadt mit unangenehmen Dingen konfrontiert wird. Da gibt es nur heile Welt pur. Höchstens die von den Fiakern auf der Straße liegen gelassenen Pferdeäpfel können noch zum öffentlichen Ärgernis werden. Ansonsten ist das Wiener Stadtbild unpolitisch wie zuletzt wahrscheinlich in der Biedermeierzeit. Während es in anderen Städten schon längst zum guten Ton gehört, mittels Plakaten die Bürger aufzurütteln und zum Nachdenken anzuregen, kann man sich in Wien höchstens über einen grinsenden Kanzler samt Kindergeld für alle freuen.

In Berlin etwa findet man an jeder Ecke Plakate, die Frauen sagen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn der Gatte hie und da zuschlägt. Sogar auf Sri Lanka wird auf öffentlichen Flächen an Aids erinnert und zum Kondom-Verwenden aufgerufen. In Wien hat man diese Probleme nicht oder will sie nicht haben. Da heißt es seit Jahren nur mehr "Wien ist anders" und das ist mittlerweile wohl schon mehr als fad. N. H.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige