Stadtrand: Wir Amerikaner

Stadtleben | aus FALTER 38/01 vom 19.09.2001

Am Morgen danach war die nette alte Greißlerin am Eck total aufgelöst. Hat mit jedem Kunden ihre Eindrücke über den Terror in den USA teilen wollen. Die Trafik hat ausnahmsweise einmal ein echt gutes Geschäft mit den Tageszeitungen gemacht. In der Bim, in der U-Bahn haben die Leute schockiert Bilder von explodierenden Hochhäusern und weinenden Menschen angeschaut. Schrecklich, dieser Terror - aber Gott sei Dank nicht bei uns.

Trotzdem waren wir irgendwie plötzlich Amerikaner. Wenn landesweit eine Minute lang für die Terroropfer geschwiegen oder manche Vergnügungsveranstaltung abgesagt wurde, dann fanden wir das passend.

Am Samstag haben manche sogar eine Kerze im Gedenken an die Toten ins Fenster gestellt. Die vielen toten Amerikaner waren ein Thema - zumindest weit mehr als tote Kinder im Irak oder anderen "Schurkenstaaten".

Als Beinahe-Amerikaner machten wir uns natürlich auch Sorgen um die eigene Sicherheit und um die paar Hochhäuser der Stadt. "Die unschuldigen Amerikaner im Hochhaus", hat die nette Greißlerin eine Woche danach gejammert - bis eine Kundin sie genervt hat. "Die ist 45, ein Pflegefall, Alkohol, arbeitet nicht. Die müssen wir alle noch zwanzig Jahre erhalten." Wir sind mittlerweile wieder Wiener geworden. J. O.


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