KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 39/01 vom 26.09.2001

Ein nackter, kahlköpfiger Mann bewegt sich langsam, anmutig und doch vollkommen ungeziert mit dem Rücken zum Betrachter; den Blick hält er währenddessen immer auf einen Spalt gerichtet, durch den jemand auf ihn zurückschaut. Erst nach einiger Zeit kapiert man, dass er keinem zweiten Tänzer gegenübersteht, sondern in einen schmalen, streifenförmigen Spiegel schaut. Der 1969 geborene japanische Künstler Takahiro Fujiwara tanzt selbst Butoh und führt in seinem meditativen S/W-Video "Private Eye, Public Eye" eine quasi poetische Thematisierung der Kontrollgesellschaft vor: "Wir können uns selbst nicht sehen. Sogar wenn wir in den Spiegel blicken, versuchen wir uns vorzustellen, wie uns die anderen sehen. Bei Butoh schaut man nirgends hin, fixiert nichts: Mir geht es um solche Situationen, in denen wir uns entspannen, indem wir uns vergessen." Die Kuratorin Hitomi Hasegawa zeigt in der ambitionierten Ausstellung "What's the difference between ...?" im Kunstbuero (bis 19.10.) japanische Künstler und Künstlerinnen zwischen 25 und 35 Jahren - also jene Generation, die mit dem Kollaps der Nippon-Wirtschaft auch eine Infragestellung gesellschaftlicher Werte erlebte. Fast alle von ihnen stellen zum ersten Mal im Ausland aus, zur Schau liegt auch ein schmaler Katalog auf.

  Genauso gut in Tokios Trendviertel Shibuya wie in Gumpendorf funktioniert Shiro Masuyamas ironische Antwort auf das Problem "Wie lockt man Leute in Ausstellungen zeitgenössischer Kunst?": Auf die Türschwelle der Galerie klebte er Münzen; wer sie berührt, wird durch einen schrillen Alarmton auf den Kunstraum aufmerksam gemacht, in dem dann ein Versteckte-Kamera-Video vom vermeintlichen Geldfund läuft. Auch das Kunsttrio "Vehicle" betreibt ein witziges Verwirrspiel: Nach Vorlage von US-Filmen aus den Fünfzigerjahren bauen sie Fernseher, Radios, Kühlschränke etc. nach. Diese Retro-Kunstmöbel sind hohl und können entweder als Skulpturen aufgestellt oder wieder mit echten Sonys gefüllt werden.


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