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Kultur | PETRA RATHMANNER | aus FALTER 40/01 vom 03.10.2001

Rudi Klausnitzer hat mit "Jekyll & Hyde" im Theater an der Wien wieder einen Coup gelandet. So viel ist sicher, obwohl es überhaupt nicht nachvollziehbar ist. Selbst wenn man am liebsten kübelweise Häme und Spott über Musicals, diese üble Laune der Unterhaltungsindustrie, schütten möchte - es würde nichts bringen. Derlei Kritik tropft an diesem Genre ab wie Regen von einer Gore-tex-Jacke.

  Der erfolgreiche Broadway-Komponist Frank Wildhorn und der preisgekrönte Textwriter Leslie Bricusse haben die Wirksamkeit der Stevenson-Novelle für die Tränendrüse richtig erkannt: Ein herzensguter Arzt ist von der Idee besessen, das Böse zu besiegen, und verwandelt sich im Zuge seiner Experimente in den bösen Mr. Hyde. Fortan ist Dr. Jekyll zwischen zwei Seelen und zwei Frauen hin- und hergerissen. Die aschblonde Lisa trifft er in originalgetreu nachgebildeten Salons der Jahrhundertwende, wo die feine Gesellschaft sich im Walzerschritt wiegt; der tizianroten Lucie steigt er im Rotlichtmilieu nach. Ausgerechnet hier zeigt sich die größte Fantasielosigkeit des Abends; selten wurde ein Cancan derart lahm getanzt. Am gelungensten sind die Szenen, in denen der stimmgewaltige Thomas Borchert sich durch bloßes Haareschütteln vom Guten zum Bösen verwandelt. Die artifizielle Luxusbühne von Johannes Leiacker zaubert dafür surreal flirrende Schreckensbilder erster Güte hervor.

  Nahezu jeder Song wird vom rappelvollen Saal mit tosendem Applaus bedankt. Nach der Vorstellung, während die letzten Tränen aus den Augenwinkeln getupft werden, wird am Merchandising-Stand zugegriffen. Diesmal kann man sich als Erinnerung an einen durch und durch schmalzigen Abend sogar das "Elixier des Dr. Jekyll" in den Wohnzimmerschrank stellen.


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