Memento

Thriller rückwärts

Extra | Michael Loebenstein | aus FALTER 41/01 vom 09.10.2001

Die Erinnerung, schreibt Cees Nooteboom, sei ein Hund, der sich hinlegt, wo es ihm passt. Wie verlässlich ist, was wir erinnern, die Ereignisse, Begebenheiten aus der Vergangenheit, die unser Handeln im Jetzt motivieren?

Im Fall von Leonard Shelby (Guy Pearce, "L. A. Confidential") ist es noch schlimmer. Durch einen Unfall hat er sein Kurzzeitgedächtnis verloren. An sein Leben davor vermag er sich zwar zu erinnern - doch alles, was ihm momentan widerfährt, hat er nach zehn Minuten schon wieder vergessen.

Die Titelsequenz von Christopher Nolans "Memento" zeigt einen Mord im Rückwärtsgang: Ein Polaroid gleitet zurück in die Kamera, eine Pistole springt vom Boden in die Hand des Schützen, das Opfer geht zu Boden, der tödliche Schuss fällt. Leonard, so erfahren wir, jagt den Mörder seiner Frau - nur sehen wir das Ende (heißt: seine Rache) zuerst und dann in jeweils zehnminütigen Episoden alles, was sich bis dahin zugetragen hat.

Klingt verwirrend? Ist es auch, bis man sich an diesen Trick gewöhnt hat. Was aber nicht bedeutet, dass "Memento" dann keinen Spaß mehr macht, befindet man sich doch immer auf demselben Wissensstand wie die Hauptfigur, die verzweifelt Fotos macht und Notizen kritzelt, um den Faden der Geschichte nicht gleich wieder zu verlieren. Sind der joviale Teddy, die stille und schüchterne Natalie (Joe Pantoliano und Carrie-Anne Moss) nun seine Freunde? Und warum hat er gerade einen wildfremden Mann verprügelt? Es scheint, als ergäben selbst seine Notizen, die Polaroids und Post-its, seine tätowierten Gliedmaßen, die penibel die Spur eines Verbrechens festhalten, zuweilen keinen Sinn mehr.

Bloß wird uns die Gnade schnellen Vergessens im Unterschied zur Hauptfigur nicht zuteil. Am Ende (das gleichzeitig natürlich der Anfang ist) lässt uns "Memento" mit der ganzen Last unseres Wissens allein zurück, und das ist schon ziemlich fies.

Gartenbau: So, 28.10., 23 Uhr / Künstlerhaus: Mi, 31.10., 21 Uhr (OF)


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