STANDPUNKT: Komm, sei gut!

Politik | aus FALTER 41/01 vom 10.10.2001

Der Krieg hatte noch nicht einmal zwei Stunden gedauert, da wurde bereits die erste Demonstration am Stephansplatz per SMS organisiert. Jeder sollte sich "sofort" zu einer "Mahnwache" am Stephansplatz gegen den Krieg einfinden. Gegen das Bombardement Unschuldiger! Wer kann da dagegen sein? Mit der Kerze in der Hand darf man endlich gut sein. Irgendwie hat das einen seltsamen Geruch. Warum wird am Stephansplatz erst dann getrauert, wenn die amerikanischen Kampfjets abheben? Wo war die Mahnwache für die Opfer der Terroranschläge? Wo waren die Demonstrationen gegen religiöse Extremisten? Wo gab es Demonstranten, als es in den letzten Wochen darum ging, die offenen Gesellschaften gegen religiöse Fanatiker zu verteidigen? Hinter den Mahnwachen versteckt sich nur wenig Sorge um die Menschen Afghanistans. Die werden seit Jahren grausam gefoltert und entrechtet. Niemand hier hat dagegen auch nur eine Minute protestiert. Doch nun kommt das böse Amerika ins Spiel. Da kann man endlich wieder gegen amerikanischen Imperialismus auf die Straße gehen. Als im Kosovo Zigtausende Albaner vertrieben und vernichtet wurden, gabs keine einzige Demo. Erst als die NATO Belgrad bombardierte, wurde laut gegen den Krieg protestiert. Irgendwie ist das alles sehr anständig und doch so unglaublich verlogen. F. K.


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