SPIELPLAN

Kultur | KARIN CERNY | aus FALTER 41/01 vom 10.10.2001

Schiller hat es getan. Hebbel und Lessing taten es nicht minder gern. Sogar Sartre konnte sich noch dafür begeistern. In unseren Tagen ist es allerdings eher still geworden um das so genannte Ideendrama, in dem Figuren als Sprachrohre für bestimmte Weltanschauungen in Widerstreit treten. Das Problem liegt auf der Hand: Mitunter sieht man vor lauter Ideen keine Menschen mehr, vor lauter Sprache keine Körper. Die Bühne wird zur Kanzel, von der herab uns die Welt erklärt wird. Im Ensemble Theater sind "Gestochen scharfe Polaroids" von Mark Ravenhill ("Shoppen und Ficken") sehr demokratisch, kühl und sprachlastig als gelassene Beobachtung von Welterklärungssystemen angelegt. Jeder hat gleich Recht, gleich Unrecht, jeder bleibt einem aber auch gleich fern - der verlorene 68er ebenso wie die Kinder der schönen neuen Funwelt. Man schaut den Schauspielern (vor allem: Andreas Patton, Michael Pink und Janine Wegener) gerne zu, aber eher so wie Zierfischen in einem Aquarium. Die Ideen treiben wie Plankton von gestern herum. Eine weitere Tücke dieses Ideendramas: 1999 geschrieben, Ablaufdatum vorhersehbar.

  Just auf die Vergänglichkeit setzt das Improvisationstheater. Kein Abend soll sein wie der andere. Keine großen Gedanken, dafür abstruse Geschichten, in die sich das Ensemble hineinmanövriert und anschließend versucht, nicht unterzugehen, sondern mit möglichst viel Witz Oberwasser zu gewinnen. Theater als Sport: Wildwasserpaddeln im Trockenen. Das Theater Drachengasse hat in seiner Bar & Co die neue Freitag-Nacht-Schiene (ab 22.30 Uhr) "The-Late-Night-Theater-Jam" eingerichtet, bei der Wiens führende Impro-Ensembles The English Lovers und das u.r. theater auf Englisch und Deutsch miteinander jammen. Man kann schon jetzt sagen: not from bad parents. Was bisher geschah: ein Mann im Beichtstuhl auf der Suche nach einer Sünde, Stimmen aus dem Grab, eine Reise in einem "Dustball", ein improvisierter Chor. Fortsetzung ohne Anknüpfung folgt.


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