STREIFENWEISE

Kultur | MAYA McKECHNEAY | aus FALTER 41/01 vom 10.10.2001

Sam Raimis "The Gift - Die dunkle Gabe", ein klassischer Horrorthriller und ebenso klassischer Whodunit, ist unkonventionell in Bezug auf seine Heldenfigur: weiblich, Witwe, Mutter dreier Söhne und ein Sozialfall. Annie Wilson (Cate Blanchett) verbindet die von der Großmutter ererbte Gabe, in die Zukunft zu sehen, mit Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis. So bessert sie in Sitzungen, die mehr Therapie als Orakel sind, ihre Witwenpension auf. Zu Annies Kunden gehört die verängstigte Valerie (Hilary Swank), die die Schläge ihres Mannes (Keanu Reeves als vollbärtiger Redneck) hinter dunklen Brillengläsern verbirgt, ebenso wie der psychisch labile, aber herzensgute Mechaniker Buddy, den Giovanni Ribisi immer scharf an der Grenze zum Overacting darstellt. Und schließlich ist es die Polizei selbst, die ihre Skepsis überwindet, um die "Wahrsagerin" mit der Suche nach einer Vermissten zu betrauen: in deren Rolle manifestiert sich Katie Holmes bald als tropfender Albtraum, der der Witwe leichenstarr und sumpfschlammbedeckt den Weg zu Tatort und Mörder weist.

  Sam Raimi, der Mitte der Achtziger mit der "Evil Dead"-Horrorreihe Kultstatus errang, hat nun mit "The Gift" einen reduzierten, atmosphärisch dichten Horrorfilm vorgelegt, der - frei von digitalem Aufputz - fast Gefahr läuft, übersehen zu werden. Schließlich werden bereits die Werbetrommeln für Raimis 2002er-Großprojekt, die Comicverfilmung "Spiderman", gerührt. Bevor also die Frage, wie Tobey Maguire wohl in einem engen Polyester-Ganzkörperanzug aussehen wird, unsere ganze Fantasie in Beschlag nimmt, lohnt sich ein "Gift"-Besuch. Schon allein um zu sehen (und zu hören), wie uns Raimi mit einem tropfenden Wasserhahn oder einem rollenden Bleistift Angst macht.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige