KUNSTGESCHICHTE: Gefundene Fressen

Extra | aus FALTER 41/01 vom 10.10.2001

Ähnlich schillernd wie das Leben Wachsmanns sind jene Episoden über die britische Nachkriegsmoderne, die das Buch "As Found - Die Entdeckung des Gewöhnlichen" schildert. 1952 konstituierte sich am ICA (Institute of Contemporary Art) in London die Independent Group, eine Vereinigung von Künstlern, Kritikern und Architekten. Während das ICA als britisches Museum of Modern Art noch ganz der Dichotomie zwischen Avantgarde und Kitsch verpflichtet war, dachten die Mitglieder der Independent Group längst in offenen, in nichtkünstlerische Felder hineinreichenden Kategorien.

  1953 verwirklichten vier Gründungsmitglieder der Gruppe, der Künstler Eduardo Paolozzi, der Fotograf Nigel Henderson und die Architekten Alison und Peter Smithson am ICA eine programmatische Ausstellung. Sie hieß "Parallel of Life and Art" und zeigte Abbildungen aus archäologischen, anthropologischen und naturwissenschaftlichen Quellwerken; ohne erkennbare Ordnung waren auch Agenturfotos oder Röntgenaufnahmen dazwischengehängt. Ein völlig neues, spartenübergreifendes visuelles Denken kam hier zum Ausdruck: Kunst wurde hier weniger als eine Frage des Gestaltens als ein Akt des Wählens betrachtet.

  Unter dem Titel "As Found" wird nun eine konzeptionelle Haltung auf den Begriff gebracht, die Künstler mit Schriftstellern, Architekten mit Regisseuren im Bemühen einte, den Alltag zur Bühne ästhetischer Praxis zu machen. Es gehört zu den Vorzügen dieses reich illustrierten Buches, dass es nicht für Insider geschrieben ist, sondern einen didaktischen Leitfaden durch bislang verstreut publiziertes Material bietet. M. D.

Claude Lichtenstein, Thomas Schregenberger (Hg.): As Found. Die Entdeckung des Gewöhnlichen. Zürich 2001 (Verlag Lars Müller). 320 S., öS 715,- / f 50,61


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