SPIELPLAN

Kultur | PETRA RATHMANNER | aus FALTER 42/01 vom 17.10.2001

Das Schöne am Theater ist, dass es sich immer wieder Unerhörtes zumutet. Doppelt traurig ist, wenn es dann vor dem eigenen Mut erschrickt und auf halbem Wege stehen bleibt. Einen solchen Akt der Kraftmeierei, dem plötzlich die Luft ausgegangen ist, gibts im Theater in der Josefstadt zu sehen: Robert Musils uferloser und fragmentarischer Wälzer "Der Mann ohne Eigenschaften" wird auf - Musil-Kenner werden aufjaulen - handliche zweieinhalb Stunden gebracht. Man muss kein spitzfindiger Germanist sein, um zu erkennen, dass die Stückfassung von Regisseur Jürgen Kaizik zwar brav alle wesentlichen Stationen abklappert, sich aber vor dem Wagnis drückt, die handelnden Personen einer Welt auszusetzen, die tatsächlich aus den Fugen geraten ist.

  Zu sehen ist eine relativ leere Bühne (Nora Scheidl), deren wesentliches Merkmal ist, dass es nie Tag wird - als ob Dunkelheit allein ausreichen würde, um eine Welt im sinnentleerten Leerlauf zu porträtieren. Schnell wird klar, dass die Regie keine überzeugende visuelle Vision für das Stück parat hat, ganz auf die Schauspieler, die allesamt in Jahrhundertwendekostümen stecken, und den Text vertraut. Das geht gelegentlich auch auf; vor allem die Besetzung der Berger-Brüder ist ein gelungener Coup: Helmut Berger spielt die Titelfigur Ulrich von der gelackten Sohle bis zum gegelten Scheitel als kapriziösen Dandy, der immer etwas über dem Bühnenboden schwebt. Sein Gegenpol, der Lustmörder Moosbrugger, wird von Wolfram Berger dargestellt, dessen Wahnsinnsausbrüche einem durch Mark und Bein gehen. Weil solche Intensität sich aber nicht nachhaltig durchsetzen konnte, bleibt die Aufführung ein blutleeres Studierstubendrama ohne besondere Eigenschaften.


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