Böse Worte

Stadtleben | JULIA ORTNER und CHRISTOPHER WURMDOBLER | aus FALTER 42/01 vom 17.10.2001

KRANKHEIT. Nicht jeder, der Sie beleidigt, meint es persönlich: Das so genannte Tourette-Syndrom lässt Menschen schimpfen oder gestikulieren, ohne dass sie es wollen. Auch wenn es sich nicht bei jedem Rastlosen um einen an Tourette Erkrankten handelt.  

Wer ab und zu über die Mariahilfer Straße schlendert, kennt ihn: den weißhaarigen Mann Mitte dreißig mit dem hochroten Kopf, der täglich Wiens größte Einkaufsstraße auf und ab marschiert. Manchmal brüllt er dabei. Manchmal redet er nur vor sich hin oder wiederholt Satzfetzen gleich einem Mantra. Und manchmal kniet er auch nur mit aufgehaltenen Händen da und bettelt, fast lautlos, um ein paar Schilling. Doch meist ist der Weißhaarige irritierend laut. Er redet ohne Ziel und Pause. Oder genauer: Es redet aus ihm heraus. Wer ihm in den Weg kommt, wird angesprochen, niedergeredet von einem Schwall unverständlicher Worte. Fast alle weichen aus. Vorsichtshalber. Manchmal ist der Brüller von der Mariahilfer Straße auch in Geschäften


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige