Stadtrand: "Sieht echt super aus!"

Stadtleben | aus FALTER 43/01 vom 24.10.2001

Was ich nicht mag, sind zum Beispiel Verkäuferinnen oder Verkäufer, hier der Einfachheit halber "Schrentzen" genannt, die versuchen, mir Dinge einzureden, die ich nicht brauche. "Sieht echt super aus", kommentiert die Schrentze im Vorübergehen meinen Versuch, ein viel zu kleines Winterjäckchen wieder möglichst unauffällig zu verlassen. "Sieht echt scheiße aus", sage ich und wechsle das Geschäft. "Das trägt man jetzt so", wird mir woanders beim Anzugkauf versichert, obwohl die Hose verdammt zu kurz ist. "Ja, aber nur in Hochwassergebieten", denke ich und ergreife die Flucht. Wieso lassen Schrentzen mich nicht einfach in Ruhe stöbern? Wieso? Sehe ich aus wie ein Fall für die Geschmackspolizei? Wie jemand, dem man alles einreden kann? Oder wie ein Ladendieb, der aus taktischen Gründen nicht aus den Augen gelassen werden darf? Wozu gibt es Diebstahlssicherungen? Ich melde mich schon, wenn ich mir Komplimente wünsche. Schrentzen sollen von mir aus Materialkunde lernen. Sie könnten dafür sorgen, dass Größen und Schnäppchen leichter zu finden sind. Und bessere Musik auflegen. Meinetwegen können sie auch einfach nur nett miteinander plaudern. Alles besser, als mir Dinge einzureden. Und zu behaupten, ich sähe darin super aus. C. W.


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