"Alt und realitätsfern"

Politik | NINA WEISSENSTEINER | aus FALTER 44/01 vom 31.10.2001

ÖVP. In einem internen Papier wird die Wiener ÖVP zerzaust. Ausgerechnet von ihren eigenen jungen Parteifreunden. 

Die Personalrekrutierung liegt im Argen: Die Funktionäre sind "überaltert", die "Tausenden Sitzungen befriedigen" nur mehr "einen abgeschotteten inneren Kreis", sind "selten ergebnisorientiert" und "schrecken urbane Menschen ab". Nachsatz: "Wer dies leugnet, ist entweder feig oder dumm." - Rüffel für Bernhard Görg & Co. In einem internen Papier verreißt eine Gruppe von Jungschwarzen die Rathaus-Partei - und erteilt ihr jede Menge Ratschläge dahingehend, was sich alles ändern sollte.

  Hinter dem Protestschreiben steckt die vierzigköpfige "Initiative Christdemokratie" (ICD), der unter anderen Caritas-Mitarbeiter, Funktionäre der Industriellenvereinigung und einige Kabinettsmitglieder von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner angehören. Die jungen Bürgerlichen fordern darin einerseits "Arbeitskreise und Impulsgruppen" statt der erstarrten Parteigremien, um künftig auch ihre Ideen in die Parteiarbeit einbringen zu können. Andererseits lassen sie kein gutes Haar an der Politik der Stadtpartei. Die Wiener konzentrierten sich derzeit auf ihre Rolle als "Wächter von Parkplätzen", ist in dem Beschwerdepapier zu lesen, und auf wenige andere "Lieblingsthemen, die kaum jemanden mehr interessieren".

  Die Plattform kritisiert nicht nur. Sie bietet auch "Visionen für eine menschliche Weltstadt" an. Etwa einen besseren "Dialog mit Ausländern, egal welcher Herkunft sie sind und welcher Konfession diese auch immer angehören". ICD-Mitglied Christian Mertens: "Dazu zählt auch, sich endlich für höhere Kontingente für die Familienzuwanderung auszusprechen."

  Abschließend legt die Initiative der Stadt-ÖVP nahe, sich beim politischen Gegner ein paar Kniffe abzuschauen. Zum Beispiel von der SPÖ: "Ihr Erfolg hat gezeigt, dass mit klarer, adäquater Kommunikation wieder Terrain gut gemacht werden kann, vergleiche dazu die beeindruckende Strategie in den Gemeindebauten."


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