STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 44/01 vom 31.10.2001

Jacques Laurent (Jean-Pierre Léaud) ist ein Pornograph, das wird gleich zu Beginn von "Le pornographe" festgestellt: Ein Filmemacher, der Pornos dreht, oder vielmehr gedreht hat. Nach langer Schaffenspause, einem Zerwürfnis mit seinem Sohn und der schleichenden Entfremdung von seiner zweiten Frau beginnt er nun erneut zu arbeiten. Seinen Wiedereinstieg ins Geschäft inszeniert Regisseur Bertrand Bonello weder spekulativ noch ironisch (obgleich es expliziten Sex, inklusive der obligatorischen Ejakulation, zu sehen gibt): Zu weit klaffen die Vorstellungen eines müde gewordenen, ehemaligen Provokateurs und die Ökonomie der Sexindustrie auseinander. Léaud verleiht der Rolle einen entrückten, melancholischen Gestus - die Überschreitungen der Vergangenheit, von anno 68, bleiben Geschichte, sind gestischen Manierismen und strengen Klängen barocker Cembali im Off gewichen. Mit Beginn des zweiten Drittels wird der Film zur Erzählung von Vater und Sohn: Joseph (Jérémie Régnier, der nunmehr erwachsene Bub aus dem Film "La promesse" der Gebrüder Dardenne), Kind aus der tragischen ersten Ehe, taucht auf und durchläuft, wie sein Vater, eine Phase der Krise und Neuorientierung.

  "Le pornographe" ist ein überaus kühler Film; seine Figuren agieren weniger aus dem Leben und ihrem Milieu heraus als nach einem "musikalischen Prinzip" (Bonello). Was eine Vielzahl artifizieller Situationen zur Folge hat, die nicht alle schlüssig sind: Zu oft opfert der Film potenziell ambivalente Konstellationen seiner schwermütigen Dramaturgie, "lässt" er die Figuren auftreten, sprechen, schweigen, abtreten. Zu heftig ist die bürgerliche Erschöpfung nach den Utopien, und zu peripher bleiben die Frauenfiguren des Films - zu schwach, um dieses Spiel melancholischer Männer nachhaltig zu stören.


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