Stadtrand: Oh J!

Stadtleben | aus FALTER 45/01 vom 07.11.2001

Die Geisterbahn im Prater (die mit dem roten Teufel) hatte einen besonderen Geruch. Es schmeckte nach eingeölten Holzbrettern. Das hab ich mir nur deshalb gemerkt, weil ich so oft mit dem J-Wagen gefahren bin. Der "Je" war die Geisterbahn unter Wiens Öffis. Auch er roch nach alten eingeölten Brettern, es rumpelte in den Kurven, harte Sitze und Gespenster gab es auch. Wann immer es möglich war, habe ich mich in den zweiten Waggon ganz vorne gesetzt und Geisterbahn gespielt. Der Blick auf Künstlerhaus-Leute, Hummel-Gäste, Sittl-Trinker, Hofratswitwen und Brunnenmarkt-Menschen war im J nicht nur so wunderschön erhöht, der Wagen quietschte auch so langsam in und aus der Stadt, dass es eine Freude war. Zwanzig Minuten vom Gürtel zum Ring! Im Winter tauschte ich den Platz ganz vorne gegen das brennheiße Bankerl, unter dem ein kleiner Radiator die Strassenbahn aufzuheizen versuchte. "Passen S' auf, dass net picken bleiben", hat ein J-Wagen-Fahrer einmal gewarnt. Dann begann ein grüner Politiker mit Bims um die Wette zu laufen, um zu beweisen, wie langsam die sind. Ich ahnte Schlimmes. Nun ist es so weit. Ohne Warnung, ohne Aufschrei von Bürgerinitiativen. Es gibt keine rote Geisterbahn mehr. Ulf, der silberne Niederflurwagen saust als neuer J-Wagen durch die Josefstadt. Geräuschlos. Die Sitze sind gepolstert. F. K.


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