KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 46/01 vom 14.11.2001

Von der französischen Königin Marie Antoinette wird erzählt, dass sie der Guillotine nur deswegen nicht entkam, weil sie darauf bestanden hatte, in ihrer prunkvollsten Kutsche zu fliehen. Der schwere Wagen kam natürlich nur langsam voran, "L'Autrichienne" wurde festgenommen, und vielleicht schritt sie deshalb so stolz erhobenen Hauptes zum Schaffott (eine andere Legende), weil sie sich selbst bis zum Schluss treu geblieben war. Der New Yorker Künstler T. J. Wilcox steht auf Diven und huldigt in seinen Arbeiten deren Selbstentwürfen. Für seinen Film "The Escape (of Marie Antoinette)", der neben zwei anderen Filmen und Fotos zurzeit in der Galerie Meyer Kainer (bis 6.12.) zu sehen ist, montiert der Künstler verschiedenste Materialien in einem langwierigen Arbeitsprozess. Neben selbst gemachten Zeichentricksequenzen verwendet er auch Spielfilmausschnitte oder Laterna-Magica-Bilder. Wilcox filmt mit der Super-8-Kamera vom Monitor ab, überträgt die Aufnahmen zur Bearbeitung auf Video und kopiert sie zurück auf Filmmaterial. Dadurch erzielt der Künstler eine ganz eigene Art von Unschärfe; zusätzlich verlangsamt er die ausgewählten Szenen und versieht sie mit Untertiteln. Die Erzählung, der Mythos, scheint hier im Mittelpunkt zu stehen, wird aber durch die Montage gebrochen. Besonders schön gelingt das Wilcox mit den Videoaufnahmen einer aufwendig inszenierten John-Galliano-Modenschau: Die Modells fliegen in Slow Motion über den Catwalk, ihre langen, seidenen Schleppen, die sofort an kunstgeschichtliche Exegesen der Faltenmalerei denken lassen, wirbeln um sie herum, nur wenig Stoff verhüllt die dünnen Ärmchen - das historische Drama der Marie Antoinette endet am Laufsteg.


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