KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 49/01 vom 05.12.2001

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat stets gegen die Reduktion der Freud'schen Theorie auf eine soziale Verbesserungsanstalt, wie sie Strömungen in den USA seiner Meinung nach betrieben haben, polemisiert und philosophisch gearbeitet. Für Freuds wesentlichste Entdeckung hielt der Franzose das Unbewusste; Lacans unorthodoxe Methoden führten schließlich zum Ausschluss aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Über Kunst schrieb der Exzentriker fast nichts, aber er besaß Courbets Skandalgemälde "L'Origine du monde" von 1866, das nur den Schoß einer Frau zeigt. Der osmanische Gesandte in Paris, Kalil Bey, hatte das Bild, zusammen mit einem zweiten zur Verdeckung, in Auftrag gegeben. Nach dem Essen führte der Salonlöwe seine Gäste vor das Motiv eines Flusses, um dann den wahren Schatz dahinter zu offenbaren. Anscheinend fand auch Lacan das Gemälde anstößig: Er verbarg es in einer hölzernen Schachtel mit Schiebetür. Lacans Spätwerk widmet sich dem Versteckspiel heimlicher Begierden par excellence: dem Traum. Wo in Freuds ehemaliger Wohnung und Praxis normalerweise Teile von dessen geliebter Antikensammlung gezeigt werden, präsentieren nun Brigitte Huck und August Ruhs eine feine Auswahl zeitgenössischer Kunst (Constanze Ruhm, Ecke Bonk, Walter Obholzer u.a.), die in einer manifesten oder latenten Nähe zu Lacans Traumtheorie stehen. Mathematische Modelle spielen im späten Denken des Psychoanalytikers eine wichtige Rolle. Teil der Ausstellung "Diesseits und jenseits des Traums" im Sigmund Freud Museum (bis 27.1.) sind zum Beispiel die Collagen von Franois Rouan, in dessen Arbeitsweise Lacan sein theoretisches Konstrukt des "Borromäischen Knotens" wiedererkannte; der englische Künstler Cerith Wyn Evans legt in einer Neonskulptur zwei Möbiusbänder übereinander, die für Lacan eine Verbindung von Innen- und Außenwelt symbolisieren, und Nives Widauer lässt in Videos neun Frauen ihre Träume erzählen. Empfehlung!


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