Fragen Sie Frau Andrea: Wien ist anders ...

Stadtleben | aus FALTER 50/01 vom 12.12.2001

Sehr geehrte Frau Andrea,

wie kommt es eigentlich, dass ich auf meinem kurzen Weg zur Arbeit (vom 15. in den ersten Bezirk) mehrere Klimazonen durchfahre? Heute gab es zu Hause Eisregen, dann war die Straße trocken, am Ring war es vereist, und am Michaelerplatz lag wieder eine Art Schnee. Ist Wien größer, als ich dachte?

Mit freundlichen Grüßen,

Barbara Speck, Wien 15

Liebe Barbara,

Wien ist tatsächlich größer, als viele denken. In der Zeit, in der die Außenbezirke mit Zinshausvierteln vollgeschachtelt wurden, ging die Stadtplanung noch davon aus, dass Wien neben London, Paris und New York die vierte Megacity von internationalem Format bleiben würde. (Shanghai, Mexico City und Kairo waren damals noch provinzielle Nester). Dass sich während einer kurzen Reise durch Wien so viele verschiedene Wetter erleben lassen, liegt allerdings nicht an der metropolitanen Weite Wiens, sondern an einer meteorologischen Besonderheit. Wien liegt an den letzten Zipfeln der Alpen, dort wo sie in die endlosen Weiten der Ebene eintauchen. Und genau am Übergang zwischen diesen beiden Geographien verläuft auch die Grenze zwischen zwei Klimazonen. Genaue Kenner wollen den Übergang zwischen alpinem und pannonischem Wetter mitten in der Stadt ausmachen. In der Lenaugasse im achten Bezirk, im Straßenzug zwischen dem Gasthaus Blauensteiner und dem Café Eiles, stehen zwei Betonschüsseln. In der einen haben es sich Samen aus den Bergen gemütlich gemacht und dank des dort schon etwas herben Klimas einen kleinen Nadelwald sprießen lassen. Der Betonkübel auf der gegenüberliegenden, östlicheren Straßenseite hat Flugsamen von Laubbäumen aus den kontinentalen Steppen mikroklimatisch Heimat gegeben. Das Gasthaus Blauensteiner steht nämlich schon in den Alpen, während das Café Eiles gegenüber in der ungarischen Tiefebene liegt.

Schreiben Sie Frau Andrea: dusl@falter.at; und besuchen Sie:


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