Wien unter null

Politik | VIOLA GANGL | aus FALTER 02/02 vom 09.01.2002

OBDACHLOSIGKEIT. Tausend Wiener schlafen im Winter in Toiletten, Zelten und vor warmen Heizgebläsen. Vor allem psychisch kranke Obdachlose finden keine Unterkunft mehr. Streetworker klagen über fehlende finanzielle Mittel, mangelnde ärztliche Betreuung und Fehler im System. Wenn sich andere in ihre warmen Betten kuscheln, steht er, keine vierzig Jahre alt, in der dunkelsten Ecke des Westbahnhofs. Draußen ist es klirrend kalt, zwölf Grad unter null. Er gibt vor, auf einen Zug zu warten. Aber die Reise geht nirgendwo hin. Zwischen seinen Hosenbeinen sammelt sich eine dampfende Lacke aus Urin. Wenn ihm die Kälte unter die feuchten Kleider kriecht, geht er aufs Klo. Ein Männerpissoir, oder eines der verbliebenen "Schilling-Hotels" am Europaplatz, wo er sich um eine der Muscheln zusammenrollen kann.

  Nur 500 Schritte entfernt liegt das Gebäude des Bahnhofssozialdiensts, der Schaltzentrale bei der Vermittlung von Betten für Leute, die keines haben. 500 Schritte, die der Mann vor


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