Wien unter null

VIOLA GANGL | Politik | aus FALTER 02/02 vom 09.01.2002

OBDACHLOSIGKEIT. Tausend Wiener schlafen im Winter in Toiletten, Zelten und vor warmen Heizgebläsen. Vor allem psychisch kranke Obdachlose finden keine Unterkunft mehr. Streetworker klagen über fehlende finanzielle Mittel, mangelnde ärztliche Betreuung und Fehler im System. Wenn sich andere in ihre warmen Betten kuscheln, steht er, keine vierzig Jahre alt, in der dunkelsten Ecke des Westbahnhofs. Draußen ist es klirrend kalt, zwölf Grad unter null. Er gibt vor, auf einen Zug zu warten. Aber die Reise geht nirgendwo hin. Zwischen seinen Hosenbeinen sammelt sich eine dampfende Lacke aus Urin. Wenn ihm die Kälte unter die feuchten Kleider kriecht, geht er aufs Klo. Ein Männerpissoir, oder eines der verbliebenen "Schilling-Hotels" am Europaplatz, wo er sich um eine der Muscheln zusammenrollen kann.

  Nur 500 Schritte entfernt liegt das Gebäude des Bahnhofssozialdiensts, der Schaltzentrale bei der Vermittlung von Betten für Leute, die keines haben. 500 Schritte, die der Mann vor allem im Kopf nicht mehr gehen kann. "Wir haben ihn fünfmal gefragt, ob er etwas braucht, aber er schämt sich, zuzugeben, dass er Hilfe nötig hat", sagt Sozialdienst-Leiter Erich Steurer. Manchmal legt er in solchen Fällen einfach eine Matte in den nächsten Hausflur.

  Sie schlafen in Abbruchhäusern, unter Brücken am Donaukanal, in aufgelassenen Frachtwaggons, Telefonzellen, öffentlichen Toiletten, in leeren Schrebergärtenhäusern und überall dort, wo warme Luft aus Heizgebläseanlagen kommt. Während die MA 12 von "höchstens 350 Obdachlosen" ausgeht, schätzt Martina Pint, stellvertretende Leiterin der Caritas Notschlafstelle "Gruft" in Mariahilf, "dass zwischen 500 und tausend auf der Straße leben". Allein auf der Donauinsel stehe eine Kolonie von zirka fünfzig Zelten und selbst gebastelten Verschlägen hinter Bäumen und Büschen. Im Winter ist das Übernachten im Freien lebensgefährlich. In Paris und Marseille sind nach Berichten von Le Monde die ersten fünf Kältetoten zu beklagen, jetzt rüstet man sich mit dem Plan "grand froid" gegen die Kälte - die Zahl der Notbetten wurde verdoppelt. Auch in Wien haben alle Obdachlosenhäuser mit zusätzlichen Saal- oder Gangbetten vorgesorgt. Trotzdem übernachten die Menschen weiterhin auf der Straße.

  "In Wien muss kein Mensch auf der Straße schlafen", versicherte der damalige Bürgermeister Helmut Zilk Ende der Achtzigerjahre. Ein Stufenplan zur Reintegration wohnungsloser Menschen, in Sozialarbeiterkreisen als "Waschmaschine" bekannt, wurde konzipiert. Durch Sofortmaßnahmen in Gestalt von Notschlafstellen sollte der Weg der Wohnungslosen im Schleudergang zu Übergangsherbergen führen und von dort direkt in betreute Wohnprogramme und zur eigenen Gemeindewohnung. 4000 Wohnungslose sind derzeit in privaten und städtischen Herbergen untergebracht und haben damit zumindest ein Dach über dem Kopf - zumindest ein Etappensieg. Doch im Lauf der Jahre ist die "Waschmaschine" verkalkt und ins Stottern geraten: Zu viele ältere Menschen, die nicht mehr in den Wohnungsmarkt integriert werden können, sitzen in den Heimen fest. Die wenigen freien Schlafkojen sind oft so heruntergekommen, dass niemand kommt. Medizinische Pflegefälle, die besser in Pflegeheimen untergebracht wären, blockieren gute Plätze und treiben akut wohnungslose Menschen hinaus auf die Straße.

  Die MA 12, Betreiberin der vier großen städtischen Obdachlosenheime, arbeitet nun an einer Reform. Substandardherbergen, etwa das Männerheim in der Meldemannstraße, sollen durch effizientere Heime ersetzt werden. Dem Bahnhofssozialdienst kommt dabei künftig eine Schlüsselrolle zu - er wird 2002 zu einer "Clearingstelle", einer Art elektronischen Bettenzentrale, aufgewertet. Jeden Morgen wird die Zahl der freien Betten an die Clearingstelle gemeldet, die die Wohnungslosen als einzige Einrichtung an die Herbergen zuweisen darf. "Wir schnaufen schon", stöhnt Sozialdienst-Leiter Steurer, "es gibt schon jetzt zu wenig adäquate Plätze."

  Es staut sich im System. Nach Schätzungen des Bahnhofsozialdienstes erneuern sich in den Übergangsherbergen nur 500 Plätze in einem Zeitraum von zwei Jahren. Die schlimmsten Absteigen bleiben übrig, wertvolle Vermittlungstätigkeit bleibt verlorene Zeit. Steurer: "Ins Haus Neualbern kann ich die Leute fünfmal schicken, sie laufen doch wieder davon." - Sogar im Winter.

Es ist die schwierige Aufgabe der Streetworker, diese "versteckten Obdachlosen" aufzuspüren und sie vor Kälte, Krankheit und Depression zu schützen. In der Kleiderkammer der Caritas-Schlafstelle Gruft türmen sich Mäntel, Anoraks, Handschuhe und Wollmützen. Hausleiterin Martina Pint und ihre Helfer haben fünfzig Extremschlafsäcke gesammelt, für Temperaturen bis minus 25 Grad. Streetworkerin Isabella Winter verteilt sie dreimal pro Woche an alle, die draußen schlafen.

  Im Stadtpark liegt die 32-jährige Mery unter einem riesigen Berg aus Winterdecken, Plastiksackerln und bunten Planen auf ihrer Parkbank. Seit acht Jahren schläft sie auf der Straße. "Drah di", pfaucht Mery Winter ihrer Streetworkerin Isabella Winter zur Begrüßung entgegen. Auch mit Weinflaschen habe sie schon nach ihr geworfen, aber davon lässt sich die Streetworkerin nicht abschrecken: "Ich möchte nicht wissen, wie oft die Mery schon von Jugendlichen angepöbelt oder verdroschen worden ist, kein Wunder, dass die sich wehrt." Sogar eine Wohnung habe man ihr vermittelt, "aber sie hat das Wohnen komplett verlernt und schläft wie früher im Stadtpark. Mit einer Wohnung allein ist es meistens nicht getan. Sie bräuchte psychosoziale Betreuung, aber von medizinischer Seite lässt man uns im Stich."

Psychisch Kranke sind das größte Problem auf der Straße. "Für die Psychiatrie zu gut, für die Obdachlosenhäuser zu schlecht", klagt Erich Steurer vom Bahnhofssozialdienst. Wer von der Polizei auf der Straße aufgegriffen wird, pendelt von der Psychiatrie bald wieder dorthin zurück. Eigentlich wäre der Psychosoziale Dienst zuständig, aber die Zusammenarbeit sei katastrophal. Der Psychosoziale Dienst, eine von SPÖ-Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann unter Vertrag genommene Einrichtung, habe zwar Außenstellen in allen Bezirken, sei aber nur bereit, Personen zu betreuen, die sich selbst in der Betreuungseinrichtung melden. "Ein Patt", attestiert auch MA-12-Sprecherin Dagmar Weggel, "schließlich ist es ein Wesensmerkmal der psychisch Kranken, dass sie selbst nicht krankheitseinsichtig sind." An der Schnittstelle zwischen "Sozialwesen" und "Gesundheitswesen" sei man in Wien nicht gut aufgehoben, tönt es aus Kreisen der Obdachlosensozialarbeit. Beim Psychosozialen Dienst verweist man darauf, dass sich "alle Einrichtungen sowohl fachlich weiterentwickeln als auch besser ausgestattet werden müssen, von Idealzuständen sind alle weit entfernt".

  Privatinitiativen füllen die Versorgungslücken auf. So tingelt dreimal die Woche der "Louisebus" durch die Stadt, ein Ärzteteam auf Rädern, das sich teilweise auch um psychisch Kranke kümmert, Medikamente ausgibt und Wundverbände anlegt: Dann kommt ans Tageslicht, was sich über Wochen unter dicken Winterschichten angesammelt hat: Eiterbeulen, Läuse, Rotlauf, Kältehämatome. "Louisebus"-Erfinder Erich Steurer: "Wenn der Patient nicht zum Arzt geht, muss eben der Arzt zum Patienten kommen."

  Kreative Ansätze sind wichtig, denn die schwierige Welt Obdachloser stellt herkömmliche Denkmuster immer wieder auf den Kopf. Elvira ist so ein Fall. Als vermummte Gestalt kauerte sie fast täglich mit ihrem vollgestopften Billa-Einkaufswagerl vor der Universität. Heute wohnt sie auf Zimmer 109 des Seniorenwohnheims in der Schlachthausgasse. Doch in den ersten eigenen vier Wänden fühlt sie sich noch immer nicht sicher: Ihr Gesicht ist nach wie vor vermummt, immer wieder ist sie auf die Straße zurückgekehrt. Zur Begrüßung führt sie ihre "neue Garderobe" vor: Dem pinkfarbenen Damenpullover aus der Caritas-Kleiderkammer hat sie die Ärmel abgeschnitten und sich einen Minirock "genäht". Das Zimmer ist mit Heizkörpern ausgestattet, aber die Heizung ist nicht aufgedreht. Auf Boden und Bett sind prall gefüllte Plastiksäcke verteilt, der riesige Wandsschrank ist gähnend leer. Was macht man mit Menschen, die nicht mehr wissen, wie man einen Schrank benutzt, einen Pullover richtig anzieht, eine Zentralheizung steuert? "Die Leute geben das Tempo vor, mit meinem Wertesystem kann ich mich bei der Obdachlosenarbeit brausen gehen", sagt Streetworkerin Isabella Winter. Zuerst müsse Elvira, eine ExProstituierte, das Vertrauen in sich selbst und in ihr Leben wiederfinden - dort war Schönheit eben ein Überlebensfaktor.

  Die individuelle Arbeit mit Betroffenen soll verstärkt werden. Auch im Rathaus hat man das Gebot der Stunde erkannt, veraltete Strukturen wie das berüchtigte städtische Männerheim in der Meldemannstraße, das lange Zeit als "Verwahrungsanstalt" negative Schlagzeilen machte, werden aufgelöst. Hundert der 340 Bewohner werden in Seniorenwohnhäusern untergebracht, um das System wieder in Bewegung zu bringen. "Drei neue Häuser sind geplant, aber in Wahrheit bräuchten wir viel mehr", sagt der Leiter der Sozialplanungsstelle der MA 12, Gerhard Eitel. Auch im neuen Männerheim in der Floridsdorfer Siemensstraße 109 soll vieles besser werden. "Jeder Raum hat fast sieben Quadratmeter mit neuen, sehr schönen Möbeln, pro zwölf Zimmer gibt es eine Küche. Das neue Haus wird gewissermaßen Luxus pur - das ist für diese Menschen beinahe zynisch", sagt Heimleiterin Monika Wintersberger.

  Der "Ingenieur", Bewohner der Kabine Nummer 197 in der Meldemannstraße, schläft vorerst noch in seinem Kellerloch. Vier Sozialarbeiter betreuen neunzig Leute pro Stock. Aus seiner drei Quadratmeter großen Kabine strömt eine Wolke aus warmem Rotwein, Urin und menschlicher Ausdünstung. Die Wand ist mit Flecken bespritzt - Rotwein oder Blut. "Oft schwimmt der Urin aus den Kabinen bis hinaus auf den Gang", sagt Heimleiterin Wintersberger. Das fünfstöckige Labyrinth der Meldemannstraße hat viele solche Gänge. Manchmal findet man Fragmente von dem, was später einmal eine eigene Wohnung schmücken könnte: Stofftiere, ein paar alte Fotos, ein eigener Radioapparat. So man es in die besseren Stockwerke schafft - in den Kabinen gibt es nicht einmal eine Steckdose.

  Unten, im Aufenthaltsraum, der mit seinen grob gekachelten weißen Fliesen den Charme einer aufgelassenen Fleischerei versprüht, sitzt Speedy. "Der Winter ist zach, die Eiswürfeln stehen mir aus den Ohren", sagt er. Einmal habe es ihn sogar in seinem Schlafsack eingeschneit. Deshalb ist er heute in den "Brunzerlsaal", die Notschlafstelle in der Meldemannstraße, umgezogen. Nicht immer geht es so glimpflich aus. Sein Kumpel liegt mit Lungenentzündung im Spital. Und sein Bein muss weg, das "is a riesen schwarze Plätschn". Speedy wartet sehnsüchtig auf eine der Kabinen im ersten Stock, doch das Haus ist rammelvoll.

Wenn die "Waschmaschine" nicht bald wieder anläuft, wird es auch auf der Straße eng. Am Männerpissoir am Stephansplatz verteidigt der alte Karl mit Klauen und Zähnen sein Revier. Zwei Häuslschläfer hat er heute schon vertrieben. Er schimpft auf die Putzkolonnen der serbischen Leiharbeiterinnen, die privaten Wachmannschaften, die hier patroullieren, auf City-Nachtschwärmer, Anzugträger und Geschäftsleute, die seinen Schlafsaal als Klo benutzen. Mit siebzig Jahren ist er einer der ältesten Obdachlosen der Stadt. "Er steht an erster Stelle auf der Warteliste für das neue Seniorenheim", sagt Winter. Höchste Zeit für eine eigene Wohnung. Und ein Klo, das nichts anderes ist als ein Klo.


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