SPIELPLAN

Kultur | WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 03/02 vom 16.01.2002

Ab Herbst 2003 übernimmt Hans Gratzer das Theater in der Josefstadt, und er hat angekündigt, ausschließlich österreichische Stücke spielen zu wollen. Bleibt zu hoffen, dass die Aufführungen dann spannender ausfallen als die aktuelle Josefstadt-Inszenierung eines österreichischen Klassikers: Das klassizistische Trauerspiel "Sappho" von Franz Grillparzer ist, wie die meisten Stücke des depressiven Dichterbeamten, ein ziemlich hermetischer Text, der nicht sonderlich laut danach schreit, auf die Bühne gebracht zu werden. Wer sich durch das Dickicht der Jamben durchkämpfen will, um eventuell dahinter verborgene Geheimnisse freizulegen, muss mindestens zur Machete greifen - aber daran ist in der Josefstadt natürlich nicht zu denken. Am Ende einer zart verkitschten Schönsprechveranstaltung (Regie: Janusz Kica) vergießt Hauptdarstellerin Ulli Maier echte Tränen; vielleicht bereut sie ja schon, dass sie nach Wien zurückgekommen ist.

  Ab Herbst 2002 übernimmt Thomas Birkmeir das Theater der Jugend, und im Theater im Zentrum hat der designierte Intendant jetzt schon einmal seine Visitenkarte abgegeben. In seiner Dramatisierung von Robert Musils Internat-Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" (1906) konzentriert sich Birkmeir auf die vier Hauptpersonen und die homoerotisch aufgeladenen, sadistischen Spiele, die sie treiben. Für 90 Minuten Theater ist das aus drei Gründen zu wenig: Erstens ist die Fassung einfach nicht dramatisch genug, zweitens beschränkt sich Birkmeirs Inszenierung hauptsächlich darauf, zwischen den Szenen eine alte Stones-Nummer ("As Tears Go By") einspielen zu lassen, worunter drittens auch die gar nicht schlechten Schauspieler (mit einem ungewohnt zurückgenommenen Max Mayer in der Titelrolle) leiden. Fazit: Nach dem "Mann ohne Eigenschaften" (in der Josefstadt) ist nun auch der "Törless" auf der Bühne gelandet. Irgendwie beruhigend, dass Musil keinen dritten Roman geschrieben hat.


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