Stadtrand: SekundenTakt

Stadtleben | aus FALTER 04/02 vom 23.01.2002

Wie langweilig muss einem sein, wenn man beginnt, das Tempo der Großstadt mit dem Sekundenzeiger zu vermessen? Oder hat das etwa schon pathologische Züge, wenn man darauf achtet, wie viel Zeit der Oberkellner benötigt zwischen Kaffeebestellung und -lieferung, wie viele Sekunden der Verzehr eines Schokoriegels dauert, oder der Zahlungsvorgang an der Bankomatkasse? Jedenfalls trage ich zurzeit eine Uhr mit Stoppfunktion am Handgelenk, und wenn es langweilig (also richtig lang-wei-lig) ist, werden schon mal die Sekunden gezählt. Da merkt man dann beim Warten auf die U-Bahn beispielsweise, dass der Countdown bis zum nächsten Zug geradezu unverschämt ungenau ist. Neulich stand da fünf Minuten lang "6 Minuten" auf der Anzeigetafel. Dann erst wurden "unregelmäßige Zugsfolgen" durchgesagt. Noch gemeiner ist, wenn die U-Bahn-Uhr zwar tadellos herunterzählt, aber bei "1 Minute" einfach stehen bleibt. Und zwar für die Dauer von bis zu 120 Sekunden. Manchmal signalisieren die Anzeigetafeln auch eine Minute lang die einfahrende U-Bahn, bis sich am Gleis endlich was tut. Gemein: Ursprünglich wurde der U-Countdown ja eingeführt, um "gefühlte Wartezeit" zu verkürzen. Wenn sich jedoch die Minuten echt ziehen, wird das Warten superlang. Rein gefühlsmäßig. C. W.


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