STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 05/02 vom 30.01.2002

Die Versuche des CIA, den Maximo Líder Fidel Castro zu ermorden, sind Legende. Bis vor wenigen Jahren war es jedoch nahezu unbekannt, dass auch eine ehemalige Geliebte Castros, die deutschstämmige Marita Lorenz, als gedungene Killerin fungieren hätte sollen. Ihre Autobiografie "Lieber Fidel" dient dem deutschen Dokumentaristen Wilfried Huismann als Ausgangspunkt für seinen gleichnamigen Film: Frau Lorenz und andere Zeitzeugen erzählen eine wild-romantische Geschichte über verbotene Liebe, männliches Diktatorencharisma und den kubanischen "way of life". Das kennt man aus der Presseberichterstattung von anno 2000 (als Buch und Film entstanden) und aus den vielen anderen unnötigen "Mein Kuba"-Filmen der letzten Jahre. Quintessenz: Der Mann ist einfach zu sexy, um ihn klein zu kriegen.

  Überhaupt nicht sexy ist dagegen Jakob Katadreuffe, der Held des niederländischen Dramas "Karakter": Ein junger Mann aus einfachen Verhältnissen, der im Rotterdam der Dreißigerjahre nach Bildung und Karriere strebt, um aus dem Schatten seines dämonischen Vaters, des lokalen Gerichtsvollziehers Dreverhaven, zu treten. Mike van Diems Film ward 1998 (!) mit dem Auslands-Oscar beschenkt und tut alles, um diese Entscheidung zu rechtfertigen: "europäische" Ausstattung, "europäische" Musik, outriertes Schauspiel und gestelzte Dialoge "europäisch" aussehender Charakterköpfe. Zuweilen glaubt man hinter der Fassade eines Fernsehmehrteilers Elemente dessen zu erkennen, was in den Niederlanden als wichtigstes literarisches Werk des 20. Jahrhunderts gilt: Die gleichnamige Romanvorlage Ferdinand Bordewijks dürfte aber wesentlich komplexer sein als dieses Stationendrama über enttäuschte Vaterliebe vor dem pittoresken Hintergrund sozialer Malaise.


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