KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 05/02 vom 30.01.2002

Wenn man von einem Künstler hört, dass er permanent sein Atelier in Modellform nachbaut und dieses noch dazu das einzige Sujet seiner Fotografien bildet, dann denkt man schnell an den verschrobenen Künstlertypus "Junggesellenmaschine", wie er auf der letzten Biennale in Venedig am Beispiel des Deutschen Gregor Schneider gefeiert wurde. Bei den in der Kerstin Engholm Galerie präsentierten Arbeiten von Lois Renner (bis 2.3.) wird jedoch bald klar, dass hier weniger am eigenen Mythos als an einer sehr exakten visuellen Recherche gefeilt wird: Die großformatigen Fotografien zeigen Renners Atelier aus mehreren Winkeln und bei verschiedenen Lichtqualitäten; inmitten von Gerüsten, Holz- und Papierresten steht ein zusammengeschustertes, mit Schraubzwingen fixiertes "Ding", das bei näherer Betrachtung architektonische Details en miniature preisgibt. In den vergangenen Jahren benützte der 42-jährige Künstler diese kleinen, detailgetreuen Nachbauten seiner Ateliers für Fotografien - ähnlich wie in Filmen, wo schnell gefilmte Minilandschaften und -städte den Kinogänger aber nicht weiter irritieren.

  Das Besondere an Renners Bildern besteht vor allem in der Dichte seiner Motive: Die Objekte der Tableaus präsentieren sich in so vielen Schichten, dass für den Betrachter ein Zustand der Überinformation eintritt. Die Augen tasten die scharfen und die verschwommenen Teile der Fotos ab, um zu verstehen, wie die Dinge miteinander zusammenhängen und wo ihre Grenzen verlaufen. Die Einladung zur Erforschung des Bildraumes erinnert stark an die Malerei; und schließlich bildet die Untersuchung des Verhältnisses von Modell und Wirklichkeit einen Topos, an dem sich Kunst und Wissenschaft immer schon überschnitten haben.


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